
Und es gibt sie doch - die Frühlingsgefühle. Seit Mitte März etwa erleben wir einen regelrechten Rausch an Empfindungen. Mit dem Sonnenlicht und der Wärme werden die hormonellen Luststeigerer im Blut angeregt. Licht möbelt die Psyche auf, steigert die sexuelle Leidenschaft, erhöht das Shoppingfieber oder die Lust auf soziale Kontakte. Für Depressive ist das Frühjahr aber eine der schwierigsten Jahreszeiten, wie Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien, unterstreicht.
"Von Chemie gesteuert"
Im Frühjahr kommt es zur großen Umstellung der Neurotransmitter
Serotonin, Dopamin und Noradrenalin im Körper. Der hormonelle
Müdemacher Melatonin wird vom Licht verdrängt. "Durch die rasante
Lichtentwicklung und ein wenig auch durch Temperatur kommt es zum
hormonellen Umschwung", erklärte Kasper. Das menschliche Denken und Tun
ist "absolut von der Chemie gesteuert".
Verantwortlich für den
Höhenflug der Gefühle ist das Sonnenlicht, das über das Auge in das
Gehirn zum Hypothalamus - dem wichtigsten Steuerzentrum des vegetativen
Nervensystems - geleitet wird. Von dort aus wird dann die Stimmung
beeinflusst. Noradrenalin beeinflusst das Denken und die Konzentration,
Dopamin sorgt für Antrieb und inneren Schwung und Serotonin macht
positive Stimmung.
Die rosarote Brille existiert!
In den gleichen Gehirnregionen wirken auch
Drogen. Theoretisch könnte man diesen Effekt mit Medikamenten, Speed
oder Kokain pushen. Langsamer und ohne die gefährlichen Nebenwirkungen,
aber genauso effektiv, wirkt die Natur. Das Augenlicht der Helligkeit
auszusetzen kann ähnliche Mechanismen in Gang setzen. Die "rosarote
Brille" gibt es in gewisser Weise laut dem Psychiater tatsächlich. Dass
sich ein Frosch in einem Prinzen verwandelt, kann möglich sein.
Erfahrung und Verstand machen dann aber doch einen Strich durch die
Rechnung.
"Wir beobachten derzeit aber auch, dass vermehrt
seelische Erkrankungen auftreten", erzählte der Psychiater. Depressive
kämpfen mit ihrer Krankheit mehr als im Winter, Suizide treten häufiger
auf als zu anderen Jahreszeiten. Zurückzuführen sei das darauf, dass
Depressive mit der raschen Umstellung nicht so schnell mitziehen
können. "Jemand, der sich den Fuß gebrochen hat, kann auch nicht
mitlaufen", sagte Kasper.
Ein weiterer Effekt des
Hormonrausches: Frühjahrsmüdigkeit. Laut dem Psychiater ist aber nicht
jeder davon betroffen, sondern hauptsächlich jene Menschen, die auch
den Winter über nicht sonderlich körperlich aktiv waren. Statt sich
aber faul auf die Couch zu legen, sollte man sich hinausbegeben und den
Körper in Schuss bringen, sich bewegen und in der Sonne aufhalten.