
Metropol-Chef Peter Hofbauer macht sich dieses Mal Gedanken zu Songs, die jeder locker mitsingen kann.
Nehmen wir zum Beispiel: „Yesterday“, ein Song, der nach wie vor als der meistverlangte und meistgespielte der Pop-Geschichte gilt. Im Grunde ist es ein melancholisches Lied, das einer Vergangenheit nachtrauert, die jedenfalls schöner war als die Gegenwart, aber unwiederbringlich vorbei ist. Man kann das aber auch ins Positive umdrehen und sagen: Die Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann und so erklärt sich die Faszination der Worte:
Yesterday all my troubles seemed so far away
Now it looks as though they’re here to stay
Oh, I believe in yesterday
Suddenly, I’m not half the man I used to be
There’s a shadow hanging over me
Oh, yesterday came suddenly
Paul McCartney hat sicher später darüber amüsiert, dass er damals, als er zwar schon die Melodie im Kopf hatte, aber noch keinen Text, statt „Yesterday“ „Scrambled eggs“ also „Rührei“ vor sich hingesummt habe. Man kann also von Glück reden, dass sich am Ende „Yesterday“ auf „far away“ und „here to stay“ gereimt hat und nicht, wie probeweise intoniert, „Scrambled eggs“ auf „Baby how I love your legs“.
Zweites weltberühmtes Beispiel: „Satisfaction“. Bevor Keith Richards den Gitarrenriff in diesem Mega-Hit der Stones eingebracht hat, ist er ihm angeblich im Traum eingefallen (den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf). Die unentwegt dahinhämmernde Hook-Line „I can’t get no satisfaction“ hat eine fast schon hypnotische Wirkung. Da outet sich einer als unermüdlicher Lustsucher, der nicht und nicht auf seine Rechnung kommt- mit einem Schrei aus Frust am Lust- Verlust:
I can't get no satisfaction,
I can't get no satisfaction.
'Cause I try and I try and I try and I try.
In diesem Song wird auch die gefinkelte Strategie der Werbung entlarvt. Anstatt dass sie dem Otto Normalverbraucher dabei hilft, alten Frust abzubauen, baut sie künstlich Neuen auf. Und so spielt der Text von „Satisfaction“ die Waschmittelwerbung gegen die Zigarettenwerbung aus. Nämlich mit der Frage: Was ist schon dran an einem Mann, der mir ständig einreden will, dass sein Waschmittel weißer wäscht, wenn er nicht einmal die gleichen Zigaretten raucht wie ich – nämlich die, von denen es in der Werbung ständig heißt, dass nur mit dieser Marke ein Mann so richtig Mann sein kann.
When I’m watching my TV
And a man comes on and tells me
How white my shirts can be…
But he can’t be a man
’Cause he doesn’t smoke
The same cigarettes as me
I can’t get no satisfaction
Ob man es mit einem „Kultsong“ zu tun hat, erkennt man am besten daran, dass schon bei den ersten Takten alles anfängt, mitzusingen und mitzuklatschen oder auch in spontaner Euphorie aufspringt, um zur Tanzfläche zu eilen. So wie das heute noch der Fall ist – 30 Jahre nachdem das „YMCA“ – Fieber zum ersten Mal die Diskotheken durchgeschüttelt hat. Dabei hat sich kaum jemand daran gestoßen, dass die Village People mit diesem Song eine homo-erotische Message verkündet haben. Und dass die Kostümierung als Polizist, Indianer, Bauarbeiter, Cowboy und Soldat eine ironisierende Verherrlichung männlicher Role-modells war. Was die Village People da singen, ist die anzügliche Empfehlung einer christlichen Jugendherberge für Männer. Denn die steht billig zu Gebote und bietet günstige Kontaktmöglichkeiten. Ein mitreißender Song mit einem augenzwinkernden Text und großer Haltbarkeit über die Jahre und Jahrzehnte:
Young man, there's no need to feel down.
I said, young man, pick yourself off the ground.
I said, young man, 'cause you're in a new town
There's no need to be unhappy ...
It's fun to stay at the Y-M-C-A …
They have everything that you need to enjoy,
You can hang out with all the boys ...
Peter Hofbauer
Sein Buch „Words” ist im Amalthea Verlag erschienen.