Interview „Österreich ist der Inbegriff von Heimat"

Ottfried Fischer im Gespräch mit Thomas Landgraf

Interview. Über junge Außenminister, schöne Heimatbegriffe und seine Pläne für die Zukunft: der bayrische Gigant Ottfried Fischer im Gespräch mit Chefredakteur Thomas Landgraf.

VORmagazin: Sie haben voriges Jahr mit „Wandogo“ in Wien Premiere gefeiert. Warum haben Sie dafür Wien ausgesucht?

Ottfried Fischer: Das Programm war kein klassisches Kleinkunstbühnenprogramm. Die Volksoper als Premieren- und Urauührungslocation ist einfach sensationell. Zumal wir ja uns in diesem Programm „Die Wandogo-Filosofie“ auf vollkommen neue Wege begeben, gemessen an dem, was ich bis jetzt gemacht habe. Wir haben versucht, in epischer Breite und lyrischer Ziseliertheit, in Gedichten, in Erzählungen, in Form einer szenischen Lesung ein vollkommen anderes Bild zu erstellen, als ein klassisches Kabarett-Programm das macht. Also wollten wir einen Theaterraum suchen und wollten nach Wien gehen. Das war sehr schön und sehr erhebend.

VORmagazin: Inwiefern erhebend?

Fischer: Die Volksoper ist halt näher beim Mozart, als wenn man im Münchner Spektakel ist.

VORmagazin: Sie haben einmal gesagt: „Österreich ist der Mikrokosmos eines Staatswesens, wo man anhand einer kleinen Einheit die Abläufe und Methoden eines Staates erkennen kann“. Wie meinen Sie das?

Fischer: In Österreich sieht man einfach den Dreck, der unter den Teppich gekehrt wird, noch besser als woanders, wo das in der Fülle des Vorhandenen einfach untergeht oder versandet. Drei Jahre muss der Innenminister eingesperrt werden, weil er sich über Summen geäußert hat, was man einfach nicht tun darf, auch als Innenminister nicht. In meinem neuen Programm hab ich gleich am Anfang einen Teil, wo ich zu aktuellen Themen Bezug nehme: „Am Walserberg treffe ich die Heiligen Drei Könige und frag sie: Was machts ihr denn da? – Uns ist ein Kindlein geboren, wir wollen ihm Geschenke bringen… es ist ein Außenminister!“ Und ich hab mir gedacht, dass es nicht schlimmer geht, als es schon mal Fischer über Sebastian Kurz: „Uns ist ein Kindlein geboren, wir wollen ihm Geschenke bringen. Es ist ein Außenminister!“ war. Aber da werden ja bald bei internationalen Tagungen für die Österreicher Kinderkrippen aufgestellt werden.

VORmagazin: Sie haben sich in Ihren Programmen auch immer wieder mit dem Begriff der Heimat beschäftigt. Was verstehen Sie unter Heimat?

Fischer: Heimat ist ganz ambivalent. Heimat ist einerseits die übersteigerte Beziehung zu seinem Grund und Boden, seiner Herkunft, die einfach übertrieben die Dinge ausdrückt und anderen Menschen zum Schaden gereichen kann. Die andere Möglichkeit ist, dass sie den Menschen Kraft und Wurzeln und Bodenhaftung gibt und ihnen hilft, einfach zu wissen, wo sie daheim sind und wo sie herkommen. Heimat kann auch was ganz Individuelles sein. Aber in erster Linie ist Heimat natürlich schon das, was ich in meinem letzten Programm gesagt habe: „Wenn der Wind des bayrischen Waldes im Hochsommer Fetzen von Blasmusik herüberträgt, entsteht in mir die Heimat meiner Kindheit.“ Das ist etwas, du hast einen Bereich, der, wenn er auf dich einwirkt, der macht dich zufrieden, der macht dich glücklich, der macht dich erinnerungsselig. Das will ich jedem sagen. Ich habe ein Gedicht in meinem neuen Programm, da kommt Kartoffelfeuer vor. Das kennt kein Mensch mehr. Das ist eine wichtige Illustration des Begris Heimat: der Duft des Kartoffelfeuers.

VORmagazin: In Österreich wird der Heimatbegriff im Politischen von Rechtsparteien für ihre Propaganda verwendet …

Fischer: Es geht einfach darum: eine Heimatdiskussion zu führen, die bis aufs Blut geht, das find ich einfach unmöglich. Alfred Dorfer hat einmal das BZÖ als „Bier Zelt Österreich“ bezeichnet, das trit’s und ist eine hervorragende kabarettistische Wendung. Österreich ist für mich an sich der Inbegri für Heimat. Hier ist die größte Stadt eigentlich ein kleines Dorf. Ich bin mit Austropop groß geworden und ich versteh nicht, dass die österreichischen Radiosender ihren kreativen Sängern heute überhaupt keine Plattform mehr bieten. Gibt es überhaupt einen Sender, wo österreichische Musik gespielt wird?

VORmagazin: Kaum.

Fischer: Das ist eine Unverschämtheit den Zuhörern gegenüber. Das ist das Recht des Zuhörers, dass er in seinem öentlich-rechtlichen Rundfunk einen breiten Fächer dessen hat, was es gibt. Zumal es ja in Österreich einen Markt gibt, der so etwas beliefern kann mit anspruchsvollen Sachen. Wäre es früher schon so gewesen, gäbe es heute keinen „Hofer“ von Wolfgang Ambros.

VORmagazin: Wie viel Kabarett sehen Sie sich selber an?

Fischer: Ich habe den Vorteil gehabt, dass ich mir im Schlachthof einen Querschnitt durchs Kabarett anschauen konnte. Wenn ich in einer Stadt unterwegs bin, dann sehe ich immer vorher, was es gerade spielt und lerne viele Kabarettisten dann auch in ganz frühen Phasen kennen. Zum Beispiel Bülent Ceylan. Den habe ich gesehen und dann hat er mir nachher erzählt, dass er eine katholische Mutter und einen türkischen Vater hat. Ich habe ihm geraten, aus dem Umstand mehr rauszuholen. Im Schlachthof hat er dann immer mindestens einen Gag eingebaut, wo ich gewusst habe: Der ist für mich. Heute macht er Stadien voll. Und ihm gönne ich das auch im Gegensatz zu einer Miesmuschel wie dem Mario Barth.  Die Leute meinen nämlich, dass das Kultur ist. Die meinen, der deckt eine Linie Kabarett ab, die keine ist – meiner Ansicht nach. Das ist nett daherreden auf hohem finanziellen Niveau.

VORmagazin: Ist das, was Barth macht, für Sie die Grenze zwischen Kabarett und Comedy?

Fischer: Es gibt auch intelligente Comedy. Atze Schröder baut Mikrokosmen auf oder Hennes Bender ist auch einer, der sehr schöne Beobachtungen macht. Das Schöne an der Kleinkunst ist ja, dass es nicht immer politisch sein muss. Es geht aber einfach darum, dass man den Menschen aufs Maul schaut und das auffängt und daraus was macht.

VORmagazin: Sind Leute wie Mario Barth ein Grund dafür, dass Deutsche und Humor in Österreich oftmals als Gegensätze angesehen werden?

Fischer: Ob jemand den Humor des anderen mag, hängt immer von der Sprache ab, vom Dialekt. Ich mag den österreichischen Humor und die Österreicher mögen meinen Humor. Der Wiener mag alles aus Bayern, was kein Piefke ist. Es gefällt ihm die Art des Sprechens und mir geht es genauso. Wenn ich eine Wiener Geschichte höre, dann stelle ich fest, dass eine noch feinere Zeichnung des Dialekts stattfindet, als das bei uns in Bayern der Fall ist. Überall, wo der Dialekt gepflegt wird, ist die kabarettistische Darstellung eine sehr feine, sich zwischen den Zeilen befindliche und dadurch ganz zart, aber treffend wirkende Mischung aus Witz und Ernst.

VORmagazin: Sie haben Josef Hader als größten Kabarettisten im deutschsprachigen Raum bezeichnet …

Fischer: Der wichtigste, der beste mit der breitesten Aussage, die er auch noch in einer Wucht verbreitet, dass es einfach bewundernswert und toll ist.

VORmagazin: Welche österreichischen Kabarettisten bewundern Sie noch?

Fischer: Der beste politische Kabarettist für mich ist Alfred Dorfer und von dem Niavarani habe ich nicht viel gesehen, aber das, was ich gesehen habe, hat mich begeistert. Vor allem – was ich toll fand – der Hader ist ja auch ein sehr guter Schauspieler und das ist der Niavarani auch.

VORmagazin: Welche Projekte planen Sie in nächster Zeit?

Fischer: Zur Zeit treten wir mit „Ottfried Fischer. Jetzt noch langsamer“ auf. Das ist ein Kabarettprogramm, das sich auch wieder mit der Heimat befasst, auch mit dem Kartoelfeuer, und das nächste, was jetzt kommt, ist die Fortsetzung von Wien, von der „Wandogo-Filosofie“. Da haben wir entdeckt, dass es Handlungsbedarf gibt, um diese Geschichte noch deutlicher zu vermitteln und ich habe noch ein paar Sachen dazugeschrieben. Wir müssen da deutlicher machen, worum es geht. Es ist bis jetzt nur sinnlich und das ist noch nicht genug. Wir müssen uns den Theaterraum anders verdienen als den Kleinkunstraum. Das ist ein schönes Stück Arbeit. Mit der Betonung auf schön. 

  • www.wienspart.atfischer7 ©Jan Frankl© Jan Frankl
  • www.wienspart.atDas Leben - ein Skandal ©LangenMüller© LangenMüller

In Wien gibt es eine noch feinere Zeichnung des Dialekts als in Bayern.

Fakten

Das Leben ein Skandal

Ottfried Fischer pur: In seiner Biografie zeichnet Ottfried Fischer ein ungefiltertes Menschenbild, es geht um seine Erfolge, aber auch um seine Schwierigkeiten, in diesem Leben zu bestehen. Erschienen im Langen Müller Verlag.

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