Thomas Rottenberg

Männer, die sie Pferd nannten

In der Straßenmusikszene gilt, was auch im „seriösen“ Geschäftsleben Gesetz ist: Gut sein alleine ist zu wenig – denn das sind eh (fast) alle. Wer Erfolg haben will, muss auffallen. Und das verlangt Kreativität.

Das Pferd wieherte. Vor Lachen. Dann baute es die Heimorgel ab. „Wie viele Instrumente ich sonst noch spiele? Gar keines“, sagte das Pferd. Und lachte wieder: Warum ich das fragte, war dem Mann, der mit einer Pferdemaske über dem Kopf in der Fußgängerzone musiziert hatte, klar. „Wir sind sechs“, erklärte er dann: „Zwei Keyboarder, ein Gitarrist, zwei Geiger – und ein Schlagzeuger.“

Doch als Band, erklärte die Pferdemaske, trete man kaum auf. „Wir spielen alleine. Und maskiert.“ Als Pferde, Zebra und Esel. Das, erklärte das Keyboard-Pferd, sei der Trick der Gruppe. Der, wie es im Wirtschaftssprech heißt, „USP“ – die „unique selling proposition“. Das, was aus irgendeinem Fuzo- Musiker jemanden macht, den man sich merkt.

Die Maske allein ist es aber nicht: „Du siehst das Keyboardpferd – und eine Stunde später ein Pferd mit Gitarre. Und am nächsten Tag spielt es Geige!“ Die Passanten lachen und sind beeindruckt: originell und auch noch vielseitig! Da gibt man gerne. Dass das Pferd eine Stunde vorher ein Zebra war, merkt kaum wer: Details verspielen sich in der Alltagshektik.

Reich, erzählt das Keyboard-Pferd, werde er so nicht – aber er verdiene mehr als als Einzelkämpfer. Geteilt werde fair: Alle Einkünfte werden auf die ganze Herde aufgeteilt; denn der, der als erster spielt, hat meist am wenigsten im Topf. „Das ist die Logik des Systems.“ Ganz humorbefreite Zeitgenossen könnten natürlich sagen, dass Passanten da an der Nase herumgeführt werden. Aber: Ist das wirklich schlimm?

Verglichen mit den Tricks, mit denen uns im Alltag echte Summen aus der Tasche gelockt werden, ist das nix. Nix, außer amüsant und sympathisch. Sonst, meint das Pferd, müsse man ja noch andere Dinge klarstellen: „Es glaubt doch auch keiner, dass ich in Wirklichkeit ein Pferd bin.“

  • www.wienspart.atThomas Rottenberg ©Winkelmann© Winkelmann

Fakten

Thomas Rottenberg

ist freier Journalist und Moderator bei „ServusTV“

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