Die Wiener Linien im Einsatz

Mobile Herdenchoreografie

Dass niemandem auffällt, was dahinter steckt, 35.000 oder mehr Fußballfans sicher vom Stadion wegzulotsen, ist das größte Lob für jene, die diese „Herde“ dirigieren.

Der Satz „Der Schlusspfiff  ist der Anpfiff“ wäre zwar ein schöner Beginn für diese Geschichte – aber halt doch falsch. Denn wenn Thomas Kritzer erst zu arbeiten begänne, wenn der Schiedsrichter das Ländermatch im Ernst-Happel-Stadion abpfeift oder wenn Bruce Springsteen, Madonna oder Robbie Williams ihre letzten Zugabe gespielt haben, wäre das verheerend. Weil dann die Wienerinnen und Wiener (und die angereisten Fans) mitbekommen würden, dass es Thomas Kritzer gibt. Und genau das sollen sie nicht. Niemand soll spüren, dass Thomas Kritzer – und sein Team aus mehr als 70 Mitarbeitern – da gerade nach einem bis ins Detail ausgetüftelten Konzept Schwerarbeit leisten. Weil sie dafür sorgen, dass 35.000 – oder noch mehr– Großkonzert-, Ländermatch- oder Donauinselfestbesucher rasch, reibungslos und sicher nach Hause kommen, ohne darüber nachzudenken, wie viel Hirnschmalz, Manpower, rollendes Material und Logistik-Know-how dafür notwendig sind.

Stadion 2 ©Stefan Joham

 

Menschenmassendirigenten im Einsatz

„Eventleiter“ steht auf der Sicherheitsweste, die Kritzer heute trägt. Also als jene Schlüsselfigur, die die Fäden zieht. Und trotz jahrelanger Praxis ist er immer noch angespannt, wenn aus dem Happelstadion der Schlussjubel klingt: „Man kann den Umgang mit solchen Menschenmengen nicht ,trocken‘ trainieren,“ sagt Kritzer, während die erste Welle zur U2-Station schwappt, „aber wir haben mittlerweile jahrelange Praxis, tauschen uns mit anderen Großstädten aus – und versuchen, uns jedes Mal für alle Vor- und Unfälle zu wappnen, die hoffentlich nie eintreten.“ Dann hebt der Menschenmassendirigent sein Funkgerät zum Mund: „Stationsköpfe schließen. JETZT!“ Die Maßnahme ist durchdacht. Die Station beim Stadion ist extra so gebaut, dass man nicht nur vorne und hinten (also über die „Köpfe“) auf den Bahnsteig kommt. Sie hat mehrere Sonderauf- und -abgänge, die mitten auf den Perron münden. „Wenn ein paar tausend Leute den Zug entlanggehen, kostet das Zeit. Außerdem gibt es Gedränge.“ Die Sondereingänge sind so platziert, dass die Fahrgäste von den Aufgängen unmittelbar in die Waggons kommen. Sie sind so angelegt, dass es am Weg zum Zug kein Gedränge oder „Geschubse“ geben kann.

Stadion 3 ©Stefan Joham

Herdensteuerung

Am Stationseingang müssen die Fans durch einen „Schlängelgang“ gehen. In der Sprache der Profis heißt das „Vereinzelungsanlage“: Man kann nur hintereinander gehen – dahinter können keine Pulks mehr entstehen. Eng ist es höchstens VOR der Station. Und das ist ungefährlich. Denn jene Stahlgeländer vor der Station, die zu eventfreien Zeiten völlig sinnlos wirken, erfüllen jetzt ihren Zweck: Menschen in der Masse agieren wie Herdentiere. Sie sind steuerbar. Etwa durch die in sanften Bögen zu den einzelnen Aufgängen führenden Geländer: Diese „Wellenbrecher“ verhindern, dass die Herde „abbiegt“ – und alle zu einem schon intensiv genutzten Aufgang drängen. Herdensteuerung geht ganz wie von selbst – wenn man weiß, wie und wo die Steuerbefehle gesetzt werden müssen. Freilich: „Die Wiener sind toll“, lobt der Eventleiter. „Klar will jeder rasch heim, aber dass wir nicht zaubern können, sehen die meisten ein.“ Und außerdem ist die Heimfahrt für viele mittlerweile Teil des Events. Schuld daran ist nicht zuletzt Nikolaus Panzera. An Eventtagen wird er nämlich zum „Bahnsteigmoderator“. Er sorgt dafür, dass das Publikum den richtigen Zug (oder anderswo Bus oder Bim) nimmt. Beim Happel-Stadion fahren die Züge nach Großereignissen abwechselnd auf Gleis 1 und Gleis 2 ein. Fährt ein Zug ab, ist der nächste da.

Panzera steht dann am vordersten Stationsende – und „moderiert“ die Züge ein. Wie ein Ferienclub-Animateur oder Gameshow- Ansager: „Und weiter geht’s auf Gleis eins! Ja, liebe Leute, da kommt sie auch schon, unsere U2, extra für euch! Einer unserer klassischen Silberpfeile! Leute, der ist nur für euch da – und ich sag euch was: Eine U-Bahn ist kein Adventkalender, ihr dürft alle Türchen gleichzeitig aufmachen!

Die Fahrgäste haben ihren Spaß und begrüßen den Zug mit einer Welle. Auch Thomas Kritzer lacht– obwohl Anspannung und Konzentration erst nachlassen, wenn vor der Station keine Fahrgäste mehr stehen. Darauf, dass es in Wien noch nie ernsthafte Unfälle gab, dass es noch nie zu einer Massenpanik kam oder im Gedränge Menschen ernsthaft verletzt wurden, ist Kritzer stolz. Zu Recht. Aber ausruhen, betont er, dürfe sich niemand auf solchen Lorbeeren …

  • www.wienspart.atStadion 1 ©Stefan Joham© Stefan Joham

Thomas Kritzer: "Wenn 35.000 Leute vom Stadion nach Hause wollen ist das was anderes als ein Sonntagabend in den großen Ferien in der U-Bahn"

Fakten

Ein Lokalaugenschein von Thomas Rottenberg

Kontakt

Adresse: Meiereistraße 7, 1020 Wien

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