Thomas Rottenberg

Wundersame Fischvermehrung

Aus manchen Debatten halte ich mich raus – und wundere mich nur.

Etwa damals, als in der Stadtrandsiedlungsbaustelle im frisch ausgehobenen Teich plötzlich Fische schwammen.

Es war so: Ich sollte Anlageberater bespaßen. Auf einer Stadtrand-Baustelle. Um einen Bezug zu den Immo-Beteiligungen, die sie verkauften, zu bekommen, sollten die Berater vor Ort Hand anlegen: Wir zimmerten einen Steg. Im frisch ausgehobenen Teich.

Alles lief gut – bis einer rief: „Wow! Da waren grad zwei Baby-Kois!“ „Blödsinn!“, kam zurück, „Wer würde hier sauteure Zierfische züchten?“

Ich kann gerade Wal von Fischstäbchen unterscheiden, hielt mich also aus der Diskussion raus – und hatte eine andere Frage: Der Teich war zwei Monate alt. Außer Baumaschinen war hier nix. Woher also kamen die Fische?

Ein Bauarbeiter lachte: „Typisch Stadtkind: Keine Ahnung von der Natur.“ Er zeigte auf zwei Enten. „Die waren das! Die Enten haben die Fischeier angeschleppt. Im Gefieder. Oder gefressen – und rausge... Das hat sich der Chefarchitekt vor Millionen Jahren so ausgedacht.“ Ich sah zum Projektbetreiber. Der war nervös. „Wenn die Anrainer das merken, haben wir hier das Vogelproblem – nur im Wasser.“ Das Vogelproblem? „Ein Anrainer hat rausgefunden, dass hier ein seltener Vogel nisten könnte. Den hat hier zwar noch nie wer gesehen, trotzdem mussten wir ,Nistplatzreserven‘ schaffen.“

Was das mit den Fischen zu tun hat? „Wir werben mit ,Wohnen am Badeteich‘. Aber was ist, wenn Fische Vorrang haben?“ Ich musste schwören, die Klappe zu halten.

Unlängst rief er an: Der Eid sei hinfällig. Die Fische Geschichte. „Brutaler Fischkiller!“, rief ich. Zu Unrecht: „Als der Steg fertig war, kamen Reiher. Der Steg war ihr Hochsitz. Jetzt sind sie wieder weg. Die Fische auch: Die Natur regelt das besser, als wir es je könnten.“

  • www.wienspart.atThomas Rottenberg ©Winkelmann© Winkelmann

Fakten

Thomas Rottenberg

ist freier Journalist und Moderator bei „ServusTV“

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