
Gestern erhielt ich exakt 1.673 E-Mails. Meistens verbringe ich meine Vormittage damit, sämtliche Anfragen zu beantworten. Übrigens, ich schreibe allen zurück. Egal ob mir jemand eine echt goldene Designeruhr um zwei Euro anbietet, ich gebeten werde, einen Umsturzversuch auf einer karibischen Insel finanziell zu unterstützen oder mir vorgeschlagen wird, meinen Penis mittels Expander bis zum Knöchel zu verlängern. Ich interessiere mich einfach für den Menschen hinter dem machdich@glücklich.com.
Obwohl, seitdem ich stündlich zurück schreibe, bekomme ich nur noch halb so viele E-Mails. Ein gewisser Asdan Badua aus Nigeria, der mir ein Foto von seiner Geburtsklinik einfach nicht schicken will, hat mir sogar geschrieben, dass er mir die Designeruhr jetzt gratis schickt. Ich musste ihm jedoch vorher versprechen, mit meinen E-Mails aufzuhören.
Trotzdem bin ich zufrieden, weil mir ein scheinbarer virtueller Müll ein Geschenk eingebracht hat. Übrigens, angeblich stärkt man die menschlichen Abwehrkräfte, wenn Müll offensiv ins Leben integriert wird. Deswegen bezeichne ich auch meine Wohnung nicht als Saustall, sondern als Immunsystementwicklungsgebiet.
Abfall hat einfach auch seine guten Seiten. Meine Nachbarin sieht das ähnlich. Sie hat vor zwei Jahren in der Restmülltonne einen Freischwimmerausweis von einem Mann gefunden. Jetzt hat Sie mit ihm zwei Kinder. Meine Nachbarin meint ihr Mann wäre ein echter Mistkerl und grinst dabei so breit, dass ihre Mundwinkel fast hinter ihren Ohren verschwinden. Manchmal warten unter Kaffeesud und alten Jogurtbechern Lebensträume darauf, endlich abgeholt zu werden. Und deswegen sollten Sie nicht vergessen, gelegentlich den Müll auch raufzutragen.