Vormagazin

Ausgabe Juli 2010

Wir alle sagen: I LOVE VIENNA! Kultig: Die längste Liebeserklärung der Welt. Plus: 'Mr. Lifeball' Gery Keszler & 'Kottan' Lukas Resetarits im Interview, die coolsten Plätze Wiens und 145 Gewinne!

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Haipl

Was Du Beute kannst besorgen

Clemens Haipl über Jagen und Sammeln im 21. Jahrhundert ...

Auf Brücken, auf der Donauinsel, aber auch am Donaukanal sieht man immer wieder Menschen, die eine oder mehrere Angeln ins Wasser halten. Stundenlang. Einfach so. Das scheint ihnen zu genügen. Noch nie habe ich nämlich jemanden gesehen, der tatsächlich einen Fisch aus dem Wasser gezogen hätte. Nicht, dass ich gesteigerte Lust hätte, einen Fisch aus dem Donaukanal zu verspeisen (dann doch lieber Kaugummi vom Gehsteig, oder ein alter Langos aus dem Mistkübel), aber: Warum machen die das? Wollen sie nur testen, ob die Leinen wasserfest sind? Ihre Regenwürmer ausgiebig baden, oder einfach einmal etwas Langes, Federndes in den Händen halten?

Bin ich ein Banause, wenn ich das Gefühl habe, in Wien zu fischen, ist wie im Park auf die Pirsch zu gehen? Aber warum nicht? Wenn es jemandem Freude macht, kann er sicherlich gegen entsprechende Gebühr beim Magistrat um einen Hochstand im Beserlpark ansuchen und schauen, ob nicht doch noch ein kapitaler Dammhirsch vorbeikommt, den er dann großkalibrig zur Strecke bringt. Weiters stellt sich mir die Frage, ob es im Großraum Wien den ehrenhaften Beruf des Fallenstellers gibt. Einen, der im innerstädtischen Bereich Biber und Otter nachstellt. So wie in den Indianerfilmen. Das würde mir gefallen, wenn lederbewamste Gestalten mit Waschbärmütze die Kärnter Straße entlangschlichen und Fangschlingen verlegten. Auch nichts Anderes als die erwähnten Angler.

Wahrscheinlich bin ich als Großstädter schon zu sehr von der Natur entfernt, um das alles verstehen zu können. Zu degeneriert und kein richtiger Mann, der seine Beute selbst erlegt. Ich lasse mir aber ab und an die Leberkäs-Semmel von Kollegen verstecken, damit ich das Gefühl habe, selbst gejagt und gesammelt zu haben. Es sind ja bekanntlich die kleinen Erfolge … Alles Liebe, toi toi toi und auf Wiederschaun, www.clemenshaipl.at

Clemens Haipl ist Autor, Kabarettist, Musikproduzent und Zeichner. Sein
Buch „Ich scheiß mich an“ ist in zweiter Auflage in der VORmagazin-Edition erschienen. 

von Clemens Haipl

Clemens Haipl ist Autor, Kabarettist, Musikproduzent und Zeichner. Infos: www.clemenshaipl.at