Vormagazin

Ausgabe Jänner 2012

Darf ich bitten? - Die Ballsaison ist eröffnet.

Gewinn Vor allen anderen...

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Haipl

Geschmacksverwirrung

Clemes Haipl über typische Gasthäuser

Ich habe ein Problem: Neben körperlichen Verfall stellen sich seit geraumer Zeit auch Altersstarrsinn und generelle Merkwürdigkeit ein. Stellen Sie sich vor, ich sitze in einem Gasthaus, wie man es aus alten Filmen kennt. Eines, wo man ein Krügel bekommt, ohne an die Finanzkrise erinnert zu werden, wenn man den Preis in Schilling umrechnet. Eines, wo man ein Schnitzel mit Kartoffelsalat essen kann, ohne dass einem der Kellner verächtliche Blicke zuwirft („reaktionäre Sau, spießige!"). Es ist ein Lokal, wo man auf der Speisekarte weder Humus noch Zitronengras findet. Sie haben bestimmt schon davon gehört, dass es so etwas geben soll, es aber nie für möglich gehalten, geschweige denn selbst erlebt. Aber ich schwöre, ich bin an genau so einem Ort. Und es stört mich nicht. Ist alles in Ordnung mit mir? Muss ich meinen Therapeuten konsultieren, meine Feng Shui-Einrichtung umstellen, meine Chakren zum Service bringen?
Ich bin reichlich verwirrt. Ich wollte nie so werden, halte mich generell für weltoffen, experimentierfreudig und sogar für neugierig. Aber wie kann es sein, dass ich grünen Tee nicht über den vom Huflattich stelle, dass ich Mangomousse nicht dem Gulasch evolutionär überlegen halte? Ich trinke sogar - aber sagen Sie es bitte nicht weiter - gespritzten Veltliner ohne Aperol!
Ich habe aber Glück: Kurz bevor ich mich freiwillig entmündigen lassen wollte, kam mir das Schicksal in Form des Internet zu Hilfe. Dort schreiben Amerikaner, Japaner und eine Menge anderer Nichtösterreicher davon, dass sie Schnitzel, Krügel und Kartoffelsalat für volle exotisch und ure hip halten, weil es aus „Australia" komme und endlich einmal was anderes sei, als der ewig fade Chai Latte samt Ingwerhuhn an molekular gefrorenem Orangenkaviar - serviert in überteuerten In-Hütten. Sapperlot, das sind aber ganz schöne Hinterwäldler und Globalisierungsverweigerer. Nicht so ich. Ich mag fremde Geschmäcker. Sogar die aus Wien.

Clemens Haipl ist Autor, Kabarettist, Musikproduzent und Zeichner. Sein Buch „Ich scheiß mich an“ ist in zweiter Auflage in der VORmagazin-Edition erschienen. 

von Clemens Haipl

Clemens Haipl ist Autor, Kabarettist, Musikproduzent und Zeichner. Infos: www.clemenshaipl.at