
Wolfgang Kubusta über falsche Interpretationen und das typische Wiener Leben.
Ja, auch Ihr sehr ergebener Matscho wird älter, und dafür, dass ihm das auch ordentlich zu Bewusstsein kommt, sorgt sein Sohn Matscho junior. Der hat mir, als er noch klein war, mit einem munteren „Guten Morgen, Papa“ das Frühstück versüßt. Heute murmelt er lediglich ein gönnerhaftes „Na, alter Mann, doch wieder aufgewacht …?“ Tröstlicherweise schickt der liebe Gott uns lebenserfahrenen Herren hin und wieder ein junges Weib über den Weg – und das wirkt oft wahre Wunder! Man muss nur einmal erlebt haben, wie sich eine Runde alter, ganzkörperbehinderter Knacker in ein Rudel brünftiger Hirsche verwandelt, wenn ein flottes Mädel die Szene betritt! Denn junge Frauen stärken, wenn schon sonst nichts, zumindest unser Rückgrat …
Gestern in der City fiel mein wohlwollender Blick auf eine reizvolle weibliche Erscheinung, welche Zettel verteilte. Meine erste Einschätzung: schlampige Intellektuelle, Germanistik, 19. Semester. Ich liebe schlampige Intellektuelle, weil sie sich quasi im Handumdrehen in intellektuelle Schlampen verwandeln können. Prompt steuerte die junge Schöne auf mich zu und drückte mir mit geheimnisvollem Lächeln ein rosarotes Blatt Papier in die Hand. Hatte sie vielleicht unter meinem ehrwürdigen Haar den zur Lust bereiten Schelm entdeckt? Würde sie mir die Eröffnung eines pikanten Etablissements ankündigen? Könnte sie mich gar für einen Freund ausschweifender Massagen halten? Mit erwartungsfroh zitternder Hand entfaltete ich den Zettel, worauf ich lesen durfte: Herzlich Willkommen bei den Senioren-Wanderwochen in Schoasklappersdorf!
Nach dieser kleinen Niederlage eilte ich auf den Fußballplatz, um meinen Lieblingsverein, den „FC Ekelhaft Ottakring“, stimmkräftig zu unterstützen. An der Kassa saß eine junge Frau mit grün-gelb-violetten Strähnen
im kupferroten Haar, Typ: Gemeindebaublume. Ich
liebe Gemeindebaublumen, denn sie haben Humor und einen entzückend herben Brennnesselcharme. „Eine Pensionistenkarte“, verlangte ich neckisch, um die
humorvolle Antwort „Net mi rollen, junger Mann“ zu provozieren. In Wirklichkeit schaute das Mädel kurz auf und sagte: „Pensionisten 5 Euro.“ – „Ich habe leider
meinen Ausweis nicht dabei“, versuchte ich, die Katastrophe abzuwenden. „I hob jo Augen im Kopf“, beruhigte mich die Gemeindebaublume mit entzückend herbem Brennnesselcharme.
Keulenschläge dieser Art verkraftet man am besten, indem man mit der Tramway fährt und das VORmagazin liest. Schon bald stieg eine junge werdende Mutti zu,
und das war gut so – ich liebe nämlich junge werdende Muttis! Sie sind Madonna und Potiphar in einer Gestalt, sauber und sündig zugleich – und sie riechen so gut! Beinahe elastisch zappelte ich meinen Korpus in die Höhe und bot Madonna-Potiphar den frei gewordenen Sitzplatz an. „Ich muss ohnehin dringend aussteigen …“, erklärte ich, weil das Opfer meiner galanten Manieren ein wenig unschlüssig wirkte. Möglicherweise hätte
ich das Wörtchen DRINGEND nicht verwenden sollen, möglicherweise habe ich dadurch ein bisserl unjugendlich gewirkt. Jedenfalls betrachtete mich die junge
werdende Mutti mit einer Mischung aus blankem
Entsetzen und purem Mitleid. „Bei der nächsten Station gleich ums Eck ist ein öffentliches WC …“, raunte sie mir schließlich ins Ohr.
Wo es günstig Pampers für blasenschwache Greise gibt, hat mir die junge Frau aber nicht verraten. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.
Wolfgang Kubusta ist Matscho