
Die Sporttasche, welche traurig an der linken Schulter baumelt, macht einen frischeren Eindruck als der Mann selbst. Dieser ist, man sieht es deutlich, am Ende seiner Kräfte angelangt, denn er hat gerade ein Tennismatch gespielt, und das mit enormem Einsatz. Er hat dermaßen wild aufgeschlagen, dass das Grundwasser hochkam. Er hat jeden Linienball seines Gegners tapfer abgestritten. Und er ist gelaufen, als hätte ihm Jeannine Schiller einen Heiratsantrag gemacht.
Jetzt aber ist er müde. Sehr, sehr müde. Müde öffnet er das Gartentor, erschöpft schleppt er sich auf die Terrasse, mit einer letzten großen Anstrengung lässt er sich in das vertraute Gartenfauteuil plumpsen, wo er sofort und auf der Stelle verendet. Scheinbar verendet.
Denn der Mann lebt noch. Zwar hindert ihn der erlittene Substanzverlust, sich zu bewegen. Doch er atmet, immerhin. Außerdem steht ihm der Sinn nach Wasser, könnte auch ein Bier sein. Der Gedanke an Letzteres verleiht ihm ungeahnte Kräfte, und er beschließt, sich zunächst einmal die Tennisschuhe auszuziehen.
Mit dem Kampfgeist einer Weinbergschnecke, die sich vorgenommen hat, den Erdball zu umrunden, und mit der Dynamik eines im Eukalyptusrausch versunkenen Koalabären arbeitet der Held unserer Erzählung seinen Rumpf und die daran befestigten Arme Millimeter für Millimeter in Richtung Schnürsenkel. Nachdem er dies eine Zeit lang getan hat, durchzuckt ihn ein heißer Schmerz im Rücken. „Aijaijai", heult der Gute wehleidig auf, damit ihn ALLE hören können.
Prompt betreten nunmehr ALLE die Szene, und zwar: ein taktloser Jüngling, dem der blanke Hohn ins Gesicht geschrieben steht. Ein schönes, blutjunges Weib, welches scheinheilig versucht, Mitleid vorzutäuschen. Und ein ebenso schönes, etwas weniger blutjunges Weib, welches mit kontrolliertem Gesichtsausdruck nachschaut, was denn der Herr Gemahl so treibt.
„Greis, was ficht dich an?", sagt der taktlose Jüngling höhnisch. „Du siehst erbärmlich aus, Papa", sagt das blutjunge Weib scheinheilig. „Soll ich gleich den Pfarrer rufen, oder möchtest du vorher noch mit dem Notar reden?", sagt das etwas weniger blutjunge Weib mit kontrolliertem Gesichtsausdruck. Darauf verschwinden ALLE noch prompter, als sie gekommen sind ...
Es ist keine dankbare Aufgabe für einen Literaten, den absoluten Stillstand zu beschreiben, der nunmehr eintritt. Der Mann sitzt da, bewegungslos in Zeitlupe, und ist verdrossen, weil er weiß, dass ihn seine Familie hinter einem Gebüsch beobachtet und sich das Lachen verbeißt. Große Fragen beschäftigen ihn. So brütet er über dem Rätsel, wie seltsam die Natur das Wechselspiel der menschlichen Körperteile eingerichtet hat: dass einem z. B., wenn man sich am Popo ein Haar ausreißt, die Tränen in die Augen kommen. Und er wälzt das komplizierte praktische Problem, wie er sich zu seinen Schuhen runterbücken soll, ohne dass ihn die eigene Wirbelsäule überholt.
Da plötzlich schlägt vom nahen Kirchturm die Glocke, worauf die beiden schönen Damen abermals erscheinen. Sie tragen Teller, welche mit Rohschinken, Schafkäse und griechischen Oliven appetitlich dekoriert sind. Dieser Anblick bewirkt ein Wunder: Flugs entledigt sich der Mann seiner Tennisschuhe ...
... und elastischen Schrittes eile ICH in Richtung
Dusche. 19 Uhr - höchste Zeit zum Abendessen!
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