
Am liebsten übernehme ich den Samstagvormittagseinkauf. Das liegt unter anderem daran, dass die Wirtshäuser bei uns in Alt-Ottakring besonders zeitig aufgesperrt werden.
Gestern war nicht viel zu besorgen. Meine Gattin hatte einen kleinen Einkaufszettel vorbereitet: Vier mittlere Rindsschnitzel fand ich darauf, ein Packerl Reis, zwei
Paprika, fünf Zitronen, außerdem einen Rätselband für
die liebe Oma, und um spätestens halb elf sollte ich wieder zu Hause sein.
Vor dem Fleischerladen erwartete mich die erste Enttäuschung des Tages: Eine unübersehbare Menschenmenge, bestehend aus mindestens drei Personen, wälzte sich vom Geschäftsportal bis ins Ladeninnere. So etwas passiert mir öfter, das muss man verkraften. Ich blicke dann meist scharf über die Straße in Richtung eines kleinen gastronomischen Betriebs, der mich gern beherbergt, wenn es gilt, den ersten Einkaufsboom abzuwarten.
Zum Glück hatte der Wirt bereits geöffnet. Ich betrat die gute Stube und stöberte in einem gemütlichen Winkel meinen alten Freund Ossi auf - du liebe Zeit, wie lang hatte ich den nicht mehr gesehen! Ich nahm Platz, aber nur kurz, und erzählte ihm von meinem Eheglück und meinen beiden gelungenen Kindern. Ossi freute sich für mich und bestellte zwei Achterln. Er selbst war bis dato unverheiratet und kinderlos geblieben. Ich freute mich für ihn und bestellte ebenfalls zwei Achterln. Eine nette Freundin hat er natürlich schon, erzählte der Ossi bei einem weiteren Achterl, nur gestern war sie ziemlich sauer auf ihn gewesen. Bei diesen Worten fielen mir siedend heiß die Zitronen ein, worauf mein Blick auf die Uhr fiel: Es war, im wahrsten Sinne des Wortes, fünf vor zwölf! Ich verabschiedete mich knapp und herzlos und ließ den guten Ossi in der Panik mit meiner Rechnung zurück, aber das machte nichts, denn wir hatten ohnehin vereinbart, nächsten Samstag gemeinsam einkaufen zu gehen.
Beim Fleischhauer hatte sich die kleine Anstellschlange inzwischen zu einer mittleren Anakonda ausgewachsen - die Rindsschnitzel konnte ich für heute getrost vergessen. Ich legte den fünften Gang ein und eilte in den Supermarkt. Zitronen fand ich keine, Paprika habe ich dort noch nie gefunden, und den Reis übersah ich aus Protest, weil mir bekanntlich Hörnchen lieber sind. Zum Beweis, dass ich fleißig einkaufen war, erstand ich mit letzter Kraft drei Kilo Zwiebeln. Danach riss ich im Park einem verdutzten Pensionisten ein halb gelöstes Kreuzworträtsel aus der Hand und gab ihm dafür 50 Euro, weil mir das Kleingeld ausgegangen war.
Zornbebend erwartete mich Frau Matscho an der Schwelle, denn außer einer zünftigen Weinfahne hatte ich nicht viel mitgebracht. Zu allem Überdruss war mein Sohn Matscho junior, wahrscheinlich, um seine Mutter noch mehr zu reizen, von schwerem Bauchgrimmen befallen worden - ein stopfendes Reisgericht wäre jetzt ein wahrer Segen gewesen!
So aber stand ich im Türrahmen: mit drei Kilo Zwiebeln und einem halb gelösten Kreuzworträtsel in der Hand. Da dämmerte mir die Erkenntnis, der arme Ossi würde wohl kommenden Samstag alleine einkaufen gehen ...
Am Wochenende gab es übrigens viermal geröstete Leber, aber ohne Leber. Trotzdem verstehe ich die Aufregung nicht ganz: Immerhin habe ich die Zwiebeln im Sonderangebot gekauft.
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