
Mein Herr Manfred war mehr als nur ein Haareschneider. Denn innerhalb weniger Sekunden hatte er meine Tagesbefindlichkeit erkundet, und je nach Stimmungsbarometer war er danach gütiger Seelenmasseur, strenger Beichtvater oder witzsprühender Gesellschafter. „Sie sind ein toller Hecht, Herr Matscho", sagte er einmal. „Wieso meinen Sie?", fragte ich geschmeichelt. „Weil Sie so viele Schuppen
haben", sagte er. Danach lachten wir beide aus vollem Hals, er schnitt mich dabei sanft ins linke Ohrläppchen, und das war der Beginn einer Art von Blutsbrüderschaft.
Was meinen Herrn Manfred aber meilenweit über seine vom Ehrgeiz zerfressenen Zunftgenossen hinaushob, das war der anspruchslose Sechseinhalb-Minuten-Schnitt ... „Sehr geehrter Herr Manfred", sprach ich seinerzeit bei meinem Antrittsbesuch, „wenn Sie mich zum Stammkunden haben möchten, dann vergessen Sie auf der Stelle, was Sie jemals auf Ihrer Stoppelglatzenakademie gelernt haben. Unterdrücken Sie Ihren natürlichen Instinkt, mich verschönern zu wollen, löschen Sie sentimentale Erinnerungen an Locken, Wellen und Zöpfe aus Ihrem Gedächtnis, auch bin ich wenig erpicht auf Bürsten- oder sonstige Schnitte, nicht einmal mit einem Kaiserschnitt können Sie mir imponieren. Und kommen Sie mir ja nicht mit irgendwelchen Preisen, die Sie auf dümmlichen Hairstyling-Konkurrenzen gewonnen haben. Die einzige Empfehlung, die ich gelten lasse, ist eine mehrjährige Tätigkeit auf einer australischen Schafschurfarm. Nehmen Sie also Kamm und Schere zur Hand und sonst nichts, machen Sie rasch-rasch, zack-zack - und mit guter Unterhaltung, wenn ich bitten darf!" - „Nehmen Sie Platz", antwortete daraufhin mein Herr Manfred in der ihm eigenen schlichten Art, „Sie werden zufrieden sein ..."
Das war die Geburtsstunde des sogenannten anspruchslosen Sechseinhalb-Minuten-Schnitts. Oh, Herr Manfred, Sie herrlich ehrgeizloser Anti-Zwangsbeglücker, ich werde Ihnen ein Denkmal setzen! Denn seit gestern weiß ich, was ich mit Ihnen verloren habe ...
„Einmal anspruchslos in sechseinhalb Minuten!", rief ich noch gut gelaunt, als ich den kleinen Alt-Ottakringer Barbierladen betrat - aber dann stand plötzlich ein Mensch vor mir, der aussah wie John Travolta. Das bestätigte zwar meine seit Langem gehegte Meinung, dass John Travolta aussieht wie ein Friseur, irritierte mich aber trotzdem. „Wer sind Sie?", fragte ich verdutzt. „Ich bin der Herr Gustav", sagte der Mensch und war mir auf der Stelle grauenhaft unsympathisch. „Und wo ist mein Herr Manfred?" - „Nicht mehr da."
Danach schleppte der Mensch, der Gustav hieß, ein ganzes Arsenal an Requisiten herbei: Tiegel, Flaschen, Hauben, Schläuche und eine Unmenge Sprays. „Kriege ich Lokalanästhesie oder Vollnarkose?", versuchte ich einen kleinen Scherz. „Ich werde Ihnen einen Wurliburli schneiden", zeigte sich der Travolta-Verschnitt völlig humorlos und drückte mir ein obskures Societymagazin in die Hand. „Beim Herrn Manfred habe ich aber immer ,Micky Mouse‘ lesen dürfen", protestierte ich, „außerdem will ich keinen Wurliburli." - „Das trägt man jetzt in New York", zeigte sich mein Peiniger unerbittlich und beförderte mich unsanft in den Behandlungsstuhl ...
Am Abend reagierte meine Göttergattin, die immer so wunderbar erschrecken konnte, wenn ich von meinem Herrn Manfred kam, ganz anders als sonst. Sie musterte mich kurz, sagte: „Wir kaufen nichts", und schmiss mir die Wohnungstür vor der Nase zu.
Und jetzt frage ich Sie, lieber Herr Manfred: Können Sie DAS verantworten?
Wolfgang Kubasta ist Matscho