Vormagazin

Ausgabe Jänner 2012

Darf ich bitten? - Die Ballsaison ist eröffnet.

Gewinn Vor allen anderen...

Benutzen Sie die Hilfslinks zum Navigieren in diesem barrierearmen Dokument.

Volltextsuche

Matscho

Happy Joe!

Im Mittelpunkt der heutigen Geschichte steht – ausnahmsweise – nicht das aus Blut, Schweiß und Tränen geformte Wort, sondern das mit leichter Hand entworfene Bild.

Das entzückte Auge des Betrachters erkennt auf den ersten Blick: Diesen Geniestreich kann nur ein großer Künstler oder ein kleines Kind geschaffen haben. Und tatsächlich, beides ist richtig: Denn der begnadete Schöpfer der Zeichnung, mein Sohn Matscho junior, war zu jener Zeit, als er diese Perle naiver Kunst mit ungewöhnlichem Eifer und gewöhnlichen Stabilo-Stiften in die Welt gesetzt hat, ein Kindergartenkind. Sein Vater aber hat das Werk sofort vollkommen richtig, also sehr hoch, eingeschätzt, und er hat es für die Nachwelt aufbewahrt. Auf dass es die Menschen allerorten – und somit auch Sie, sehr geneigtes Leserpublikum – in sanfte vorweihnachtliche Stimmung versetze.
Denn natürlich handelt es sich bei dem bedeutenden Wurf meines Sohnes um eine klassische Weihnachtskrippenszene. Es ist Nacht in Bethlehem, und wir schreiben das Jahr Null, wenige Minuten nach Christus.

Die Not im Stall ist groß, der Hunger noch größer. Matscho junior zeigt das sehr einprägsam: Die beiden Nilpferde, welche eine braune Kuh und einen blauen Esel darstellen, sind bis auf den Kopf abgemagert.


Halb rechts, in der Krippe liegend, erkennen wir den kleinen Heiland. Dieser hat sich viel vorgenommen, denn er ist auf die Welt gekommen, um die Menschen von ihren Sünden zu erlösen. Optimistisch blickt er in die Zukunft – kein Wunder,
er kennt ja die Menschen noch nicht.
Neben IHM steht die Jungfrau Maria, welche soeben ein Kind gekriegt hat. Ihre Gebärdensprache sagt alles: Diese Freude, und noch dazu zu Weihnachten! Da kommt man wegen einer lästigen Steuersache nach Bethlehem – und plötzlich ist ein Baby da!

Erklärungsbedürftig sind die Dauerwellen der heiligen Frau. Es hat nämlich mein Matscho junior, wenige Tage, bevor ihm das kostbare Kunstwerk gelungen ist, einer Dame in der Straßenbahn die frisch gewickelten Haare zerzaust: von hinten, überfallsartig und selbst für seinen auf alles gefassten Vater unvermutet. Die daraufhin folgende Aufregung hat ihn klarerweise zum bekennenden Dauerwellen-Fan werden lassen.


Eindeutig beherrscht wird das Bild schließlich von einem violett gekleideten Herrn mit gerötetem Gesicht, welcher sich offensichtlich im Begeisterungstaumel befindet. Dabei handelt es sich freilich um keinen unter Blutdruckproblemen leidenden Austria-Anhänger, sondern – Überraschung! – um den stillen, braven, bescheidenen Nährvater Joseph. Wäre ich ein moderner Theaterregisseur, würde ich sagen: Wir erleben hier eine völlig neue, ungemein spannende Joseph-Sicht. Joseph in der Bibel: ein kümmerlicher Underdog, eine bis zur Selbstaufgabe enthaltsame Hintergrundgestalt. HAPPY JOE hingegen in Matscho juniors Inszenierung: ein pralles, dynamisches, in den Mittelpunkt drängendes Energiebündel. Ich behaupte, und jeder gute Kinderpsychologe wird mir Recht geben: Hier hat mein Sohn seinen eigenen Vater, diese monumentale Matscho-Figur, eindrucksvoll ins Bild gesetzt!!!

Wo das Genie frei waltet, ist die engstirnige Kritik nicht weit. So wollen völlig unzuständige Kunstbanausen in HAPPY JOE kein vor Stolz platzendes Wonnepaket sehen, sondern einen schrecklichen Wüterich, der gerade im Begriff ist, seine Familie mit dem Hammer auszurotten. Aber Joseph war von Beruf Zimmermann – und das hat sich mein intelligenter Sohn eben gemerkt! Auch Matscho juniors Kindergartenbetreuerin, die liebe Tante Gundi, hat alles ganz richtig erkannt. Sie
soll nämlich, als sie des Bildes ansichtig wurde, laut und deutlich gerufen haben: „Jessasmarandjosef!“

von Matscho

Wolfgang Kubasta ist Matscho.