Vormagazin

Ausgabe Jänner 2012

Darf ich bitten? - Die Ballsaison ist eröffnet.

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Matscho

Kindermündliches

Der Matscho ist, wie die bestens informierte Lesergemeinde inzwischen weiß, ein großer Freund der Kinder. Und am meisten mag ich an den kleinen Bälgern ihren Mund. Den Kindermund.

Die Infantologie – eine ernst zu nehmende Wissenschaft, die ich soeben erfunden habe – kennt für die Herstellung einer kindermündlichen Wuchtel drei Grundvoraussetzungen, welche da lauten: naive Kreativität, brutale Ehrlichkeit und – man höre und staune – hohes Niveau.

Zu Letzterem lernen wir jetzt gleich meinen Volksschulkameraden kennen, den lieben Roman. Der liebe Roman war das Ergebnis einer konsequent vorgetragenen Bildungsoffensive seiner Eltern. Schon mit sechs Jahren wusste er, dass die Hauptstadt von Honduras Tegucigalpa heißt, und außerdem verwendete er exotische Vokabel wie z.B. „allüberall“, „insgeheim“ oder „grotesk“. Außerdem kannte der Roman keine Dialektworte. Er redete – nein, er äußerte sich – ausschließlich in der Schriftsprache. Wir Mitschüler sagten: Der Roman redet nach der Schreibe.

Es bot der kleine Held unserer Geschichte also allerhöchstes Niveau, nur beim Kicken war er, wie die meisten gescheiten Buben, grauenhaft unbegabt. Anlässlich eines äußerst wichtigen Klassenmatches schoss er unserem Goalie ein Eigentor, worauf ich das zu ihm sagte, was man in solchen Fällen zu sagen pflegt, nämlich: „Du Trottel!“ Daraufhin kriegte der Roman vor lauter Zorn ein ganz rotes Gesicht und sprach – nein, äußerte sich: „Wenn du das noch einmal sagst“, äußerte er sich, „gebe ich dir eine ...“ In diesem Moment stellte sich dem armen Roman ein grausliches Dialektwort in die Quere, aber er fand rasch einen niveauvollen, schriftsprachlichen Ausweg: „... dann gebe ich dir eine WEITSCHE!“

Ehrlichkeit mag in der Politik eine schwere Behinderung sein, für den Kindermund ist sie ein wahrer Segen. Wir erleben daher in der nächsten Abteilung meine damals 4-jährige Tochter Matscholinchen, welche im Schwimmbad eine freundliche, sehr stark braungebrannte Dame kennenlernte. Die Dame verbrachte ganz offensichtlich ihre gesamte Freizeit, wenn sie nicht gerade in der Sonne lag, im Solarium, und dementsprechend sah sie nicht nur sehr stark braungebrannt aus, sondern auch ein bisserl verknittert. Das Antlitz war von etlichen Runzeln durchfurcht – bei uns in Alt-Ottakring nennen wir so etwas liebevoll ein „Plisseerockerl-G’sicht“ – und auch die Hände zeigten einen Faltenwurf wie ein betagter Theatervorhang. Diese Hände streckte die freundliche Dame nunmehr meiner Tochter stolz entgegen. „Was siehst du, Mäderl?“, fragte sie in Erwartung eines Lobes ob der phantastischen Sonnenbräune. Worauf Matscholinchen, das wahrheitsliebendste Kind der Welt, in einem ­schönen, ganzen Satz antwortete: „ICH SEHE DIE HÄNDE EINER ALTEN FRAU!“

Für die naive Kreativität fühlte sich seit jeher mein Sohn Matscho junior zuständig, und ausgerechnet in der Kirche spielte dieses brave Kind Sonntag für Sonntag seine Hochform aus. Einmal saß auf der Bank vor uns ein Herr mit Glatze und einem schönen Haarkranz drumherum ... Matscho junior betrachtete den Herrn aufmerksam und unüblich ruhig, was nichts Gutes verhieß. Und tatsächlich tönte in die verinnerlichte Stille der heiligen Wandlung plötzlich die Stimme meines Sohnes, und diese Stimme sprach – laut und deutlich, damit es auch sicher alle hören konnten: „Du, Papa, WARUM WÄCHST BEI DEM MANN DER KOPF DURCH DIE HAARE?!?!“

In diesem Moment erschien vor meinem geistigen Auge der liebe Gott. Es war der liebe Gott aber keineswegs böse, oh nein: Er freute sich. Er freute sich, dass er nicht nur ALLES erschaffen hatte, sondern zusätzlich auch noch den Kindermund.

von Matscho

Wolfgang Kubasta ist Matscho.