
Heute werden wir erfahren, wie man durch Phantasielosigkeit sehr wohl Phantastisches vollbringen kann. Ich werde Ihnen nämlich das Lieblingsmärchen meiner Kinder erzählen.
Eines Tages – meine Tochter wird in etwa fünf gewesen sein, mein Sohn zweieinhalb – hatten sich Grimms Märchen endgültig erschöpft. Schneewittchen, Rotkäppchen und das tapfere Schneiderlein waren out, total out. Die wollte kein Mensch mehr hören, am allerwenigsten meine beiden Lieblinge. Also begann ich, selber Märchen zu erfinden. Jeden Abend bereitete ich eine nette Einschlafgeschichte vor. Da waren wunderbare Eingebungen dabei, z. B. jene, wie die Tiere eine Fußballmannschaft gründen und den Tausendfüßler zum Kapitän ernennen. Aber nicht jeden Tag war ich in Hochform, manchmal war ich auch sehr schlecht. Einmal saß ich am Bettchen meiner Tochter und hatte eine große geistige Leere im Kopf. Matscholinchen hatte ihren unvermeidlichen Stoffseehund ans warme Kinderherz gedrückt und schaute mich mit großen, begehrlichen Augen an, und auch Matscho junior hüpfte voll gespannter Erwartung im Gitterbett auf und ab wie ein Gummiball. Die Kinder waren also voll bereit, doch mir fiel nichts ein. So gern ich die Phantasie auch spielen lassen wollte – diese unberechenbare Schlampe war tatsächlich schlafen gegangen.
Zumindest ein Anfang musste freilich her. Politiker leiten ihre Märchen stets mit dem schönen Satz ein: „Wenn ich gewählt werde...“. Ich hingegen begann, wie es die gute Tradition gebietet: „Es war einmal..."
„Es war einmal ein König“, begann ich, „der hatte eine Königin und wohnte in einem großen Schloss...“ Nach diesem aus der Not geborenen Auftakt trat eine längere, peinliche Nachdenkpause ein. „Weiter“, flüsterte meine Tochter andächtig. „Eines Tages“, fuhr ich fort, „ging der König aus dem Schloss hinaus..." – Nachdenkpause – „Weiter“, hauchte meine Tochter... – Nachdenkpause – „...und die Königin ging in das Schloss hinein...“ nunmehr herrschte im Zimmer atemlose Stille. Sogar mein Stammhalter hatte aufgehört, im Gitterbett herumzuhopsen. Instinktiv spürten meine beiden intelligenten Kinder, dass ihr Papa heute etwas ganz Außergewöhnliches vorbereitet hatte. „Weiter“, wisperte meine Tochter. „Am nächsten Tag..." – Nachdenkpause – „...ging der König wieder ins Schloss hinein...“ – Lange Nachdenkpause – „...und die Königin ging wieder hinaus...“ An dieser Stelle der Erzählung klappte Matscholinchen der Unterkiefer ungläubig herunter, und Matscho junior fiel vor lauter Aufregung sein Babyschnuller aus dem Mund. „Weiter“, bohrte meine Tochter. In einem Anfall von ohnmächtiger Wut auf mein ohnmächtiges Gehirn spann ich den Faden trotzig fort: „... doch am nächsten Tag ... ging die Königin wieder ins Schloss hinein ..." – An dieser Stelle begann ich erstmals, die Nachdenkpause zu streichen – „... und der König ging wieder hinaus ...“
Ich will es kurz machen, meine sehr auf glühenden Kohlen sitzende Lesergemeinde, denn das VORMagazin bietet mir leider nicht den Platz, die Geschichte in vollem Umfang fertig zu erzählen. Nachdem das ruhelose Königspaar weitere zwanzigmal ein- und ausgegangen war, schlief ich endlich ein. „Weiter“, weckte mich meine Tochter ...
Für den nächsten Abend hatte ich ein neues, wunderbares Märchen vorbereitet, und zwar jenes, wie die Tiere eine Fußballmannschaft gründen und den Kraken zum Tormann ernennen. Es kam jedoch ganz anders. „Schloss hineingegangen, Schloss hinausgegangen“, forderte meine Tochter. „Floff neingan, Floff naufgan“, übersetzte mein Sohn ... So kam es, dass die Geschichte vom wanderlustigen König und seiner bewegungsfreudigen Frau Gemahlin die unübertroffene Erfolgsstory meines Lebens wurde. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann hatschen sie noch heute.