
Ganz in Rosa: Pink Ribbon Night 2010
Heute lasse ich die sehr vor Neugier platzende Lesergemeinde erstmals einen dezenten Blick in das Matscho’sche Schlafzimmer werfen. Und zwar steht dort, gleich neben dem Kleiderkasten, ein großer, dekorativer Wandspiegel.
Dieser Wandspiegel beschert mir immer wieder wunderbare Augenblicke. Gern stehe ich vor ihm, betrachte mich liebevoll und stelle zufrieden fest, dass ich immer noch schön genug bin für diese Welt. Leider kann ich mich nur dann liebevoll betrachten, wenn mein Sohn Matscho junior auf keinen Kostümball geht. Wenn sich mein Stammhalter nämlich für einen Kostümball herrichtet, habe ich keine Chance. Dann steht er nämlich stundenlang vor dem Wandspiegel und kontrolliert, ob er eh hässlich genug ist für dieses Ereignis.
Gestern blockierte ER wieder einmal mein Lieblingsplätzchen und hatte dabei die heruntergekommensten Klamotten an, die man sich nur vorstellen kann: die Lederjacke abgewetzt, die Hose zerschlissen, die Socken löchrig. „Warum hüllst du dich in Lumpen?“, fragte ich interessiert. „Ich kleide mich Mitleid erregend“, erwiderte daraufhin Matscho junior. „Du siehst nicht Mitleid erregend aus, sondern schlicht und einfach schäbig“, stellte ich fest, „aber wahrscheinlich gehst du auf das Gschnasfest als ein von der guten Gesellschaft gemiedener Huckleberry Finn.“ – „Du bist nah dran“, sagte mein Sohn.
Zehn Minuten später erwischte ich ihn dabei, wie er mit mehreren kräftigen Schlucken eine von mir ängstlich gehütete Veltliner-Bouteille leerte. „Ich verpasse mir eine abstoßende Weinfahne“, erklärte er auf meinen vorwurfsvollen Blick. „Du riechst nicht nur abstoßend, sondern sogar Ekel erregend“, stellte ich gnadenlos fest, „die Mädels werden vor dir flüchten. Aber vermutlich gibst du heute Nacht Bacchus, den römischen Gott der Trunkenbolde.“ – „Nicht ganz, aber fast“, ließ mich Matscho junior weiterhin im Ungewissen.
Danach schob er sich zwei riesige Polster unter das abgerissene Hemd und befestigte diese mit einem Gürtel um die Leibesmitte. „Was soll denn das werden, um Himmels willen?“, wurde ich jetzt ernsthaft neugierig. „Ich lege mir einen monumentalen Bauch zu, das sieht man doch“, antwortete mein Sohn. „Monumental ist gut“, lachte ich, „der Bauch sieht ausgesprochen ungustiös aus. Dafür weiß ich jetzt, als was du dich verkleidest: als verfressener, betrunkener, notgeiler Falstaff!“ – „Knapp vorbei ist auch daneben“, sagte mein Sohn.
Zu guter Letzt nahm ER eine komplett verkrüppelte Haltung an, machte einen riesigen Buckel und hinkte mit schlurfenden Schritten vor dem Wandspiegel auf und ab. „Hähä, jetzt hab ich dich“, rief ich triumphierend, „du gehst als plumper, missgestalter Quasimodo!“ – „Nicht ganz“, erwiderte Matscho junior, „ich eigne mir lediglich eine möglichst miserable Körpersprache an.“ – „Dann lüfte endlich dein Geheimnis“, forderte ich, nunmehr schon sehr ungeduldig, „was wirst du heute Abend vorstellen?“ – „DICH“, antwortete Matscho junior, sprühte sich eine ordentliche Portion weißen Taft ins Haar und verließ das Zimmer als sein eigener Vater.
Jetzt war der Platz vor dem Wandspiegel endlich frei. Jetzt brauchte ich ihn nicht mehr.