
Bildungsreise. Letzthin hat der Matscho die faszinierendste Weltstadt des Globus besucht: Hongkong.
Als erstes die leider viel zu spät gekommene Erkenntnis: dass es nämlich auch andere Reisebegleiter gibt als meinen Sohn Matscho junior. Seit nunmehr zwanzig Jahren stellt dieser Typ einen gravierenden Eingriff in mein Privatleben dar. Und dann nehme ich ihn auch noch in den Urlaub mit – freiwillig! Zur Strafe hat er mich, einen bekennenden Trockenrasierer, frühmorgens mit Rasierschaum, Messer und Pinsel überfallen und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Den mandeläugigen Schönheiten auf der Straße habe ich danach nicht mehr gefallen, immerhin ließ sich der erlittene Blutverlust durch eine knusprige Frühstücksente halbwegs wettmachen.
Apropos Ente: Das Essen in Hongkong ist prima – und supergünstig! Wohlschmeckende Meeresungeheuer, wie Seespinnen, Kraken oder die beliebte Königsseegurke, kosten einen Bettel, nur die Getränkepreise sind europäisch. Die erfreuliche Erkenntnis: Wer in Hongkong ein Bier bestellt, kriegt einen Hummer gratis dazu. Sozusagen.
Von Blumenduft durchwoben ist die chinesische Sprache. Die Schutzherrin der Seefahrer wird beispielsweise Tin Hau genannt, U-Bahn-Stationen wiederum tragen melodische Namen, wie Long Ping, Mai Foo oder Han Tong. Dies führt zur erstaunlichen Erkenntnis: Chinesische Göttinnen heißen wie U-Bahn-Stationen.
Das Schlüsselerlebnis der Reise hatte ich aber im monumentalen Financial Center. Da standen Matscho junior und ich vor zwei Ehrfurcht gebietenden Gestalten, die in Stein gehauen waren (siehe Bild). Die eine Gestalt stellt einen Herrn dar, welcher aussieht, als wolle er Gouverneur von Kalifornien werden. Sein Gesichtsausdruck strahlt große Gelassenheit aus – offenbar ist ihm noch nicht aufgefallen, dass jemand das Weinglas, welches er in der Hand zu halten glaubt, bereits abserviert hat. Die Dame neben dem Herrn ist ebenfalls von geräumiger Statur, doch handelt es sich bei ihr keineswegs um eine Weltmeisterin im Kugelstoßen. Die Kugelstoßkugel, welche sie in der Hand hält, ist nämlich – Überraschung! – ein Apfel. Und
die Dame heißt Eva, der Herr Adam ...
Andächtig betrachteten mein Sohn und ich die beiden Menschen, welche die beiden ersten Menschen waren. Und wir malten uns aus, welch paradiesische Zustände im Paradies geherrscht haben mussten. Da gab es offenbar nicht nur Apfelbäume, sondern ganze Käsekrainer-Plantagen, und bei dieser Vorstellung hatte ich schon wieder eine Erkenntnis, aber diesmal eine wirklich große! Es ist ja Ihr sehr ergebener Matscho, welcher von Kennern der Ernährungsszene auch das „Ungeheuer von Loch Fress“ genannt wird, schon seit langem der Überzeugung, dass der Mensch nicht zur Askese bestimmt ist. Ganz im Gegenteil: Asketen – diese schwachen Menschen, welche ständig der Versuchung erliegen, sich ein Vergnügen zu versagen – handeln dem Willen unseres Schöpfers zuwider. Nunmehr hatte ich den Beweis: Es hat der liebe Gott uns Menschen in Wahrheit erschaffen, groß, stark und sozial zu werden: indem wir herrenlosen Kalorien ein Zuhause geben!
Die wunderbare Skulptur ist übrigens ein Werk des kolumbianischen Künstlers Fernando Botero, was mich zu dem Spontangedicht „Ich verehro Botero“ hingerissen hat. Der gute Mann schrieb aber auch Kurzgeschichten, und eine davon trägt den Titel: „Der Maler, der sein Modell verspeiste“. Jetzt weiß ich nicht: Steckt hinter Adam & Eva eine höhere Philosophie? Oder
bloß ein niedriger Instinkt: blanker Hunger!