Vormagazin

Ausgabe Jänner 2012

Darf ich bitten? - Die Ballsaison ist eröffnet.

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Matscho

Der Platzhirsch

Die Menschheit ist ein einziger großer Tiergarten, sagen die Leute. Wie wahr!

matscho-11 ©schwupp

In den Öffis kann man die interessantesten Tiere kennenlernen. Man lauscht andächtig dem wortschwallakrobatischen Handy-Papagei. Man hält rücksichtsvoll Abstand zur berührungsängstlichen Eremiten-Schnecke. Man macht anrüchige Bekanntschaft mit dem friedlich vor sich hindunstenden Bier-Knoblauch-Patschuli-Skunk. Und man begegnet dem politischsten aller menschlichen Tiere: dem machtstrotzenden, besitzdominanten Platzhirsch.

Es ist der Mensch vom lieben Gott ja so  konzipiert, dass er einmal erobertes Terrain nicht mehr hergeben mag, ganz im Gegenteil: Er verteidigt dieses mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln. Weil das so ist, gibt es Grenzsteine, VIP-Clubs und Liegestuhlreservierungen. Wer um fünf Uhr früh an den Hotelpool hurtelt und dort den Liegestuhl aufpflanzt wie ein Bajonett, schafft sich auf diese Weise sein eigenes kleines Reich. Rettungslose Pazifisten verwenden dazu lediglich ein Handtuch.

Als die vollendete Ausgabe der soeben geschilderten Spezies gilt mit Fug und Recht der Platzhirsch. Seine bevorzugte Spielwiese sind größere Menschenansammlungen, wodurch er sich in Öffis pudelwohl fühlt, überhaupt zu den Stoßzeiten. Da beeindruckt er durch souveräne Raumverdrängung und felsenfestes Beharrungsvermögen. An einem Platzhirsch in Imponierpose gibt es kein Vorbei, denn er ist ein Meister der Unnachgiebigkeit. Wenn andere schön brav sämtliche Körperteile einziehen, dehnt ER sich automatisch aus wie ein in Zorn geratener Kugelfisch. Stecken mehrere Platzhirsche gleichzeitig ihr Revier ab, fühlen sich die restlichen Fahrgäste wie in einer ­Sardinendose – von „Platzhirsch“ leitet sich bekanntlich der Begriff „Platzangst“ ab.

Seine größte Wirkung erzielt unser lieber Freund an den Ein- und Ausgängen eines Zugs. Wer aussteigen will, hat nur eine Chance: rasch einen anderen Fluchtweg suchen und hoffen, dass dort kein Platzhirsch steht. Während sich das weibliche Pendant – die Platzhirschkuh also – durch das Nebeneinanderstapeln mehrerer Einkaufstaschen ausreichend Raum verschafft, genügt dem Platzhirsch sein stets einsatzbereiter Körper. „Festgemauert in der Erden“ steht er da wie Friedrich Schillers „Form aus Lehm gebrannt“. Bei einem Platzhirsch hilft kein Bitten, Flehen oder Drohen. Auch psychologische Tricks – also z.B. sanftes, liebevolles Po-an-Po-Reiben – scheitern an seiner mentalen Stärke. Einmal habe ich in ohnmächtiger Wut einem Platzhirsch kräftig ins Genick geniest. Der ganze Waggon hat „Helf Gott!“ gerufen, aber der knallharte Typ hat sich nicht einmal umgedreht!

Einen Platzhirsch der besonderen Art lernte ich in der Tramway kennen, Linie 46. Er kam, sah und sagte: „Hier sitze ich!“ Danach beförderte er eine junge Dame schwungvoll vom Fenstersitz in Richtung Wageninneres. „Ich fahre schon sechzig Jahre mit dieser Straßenbahn!“, reklamierte er seinen Gebietsanspruch. „Um Himmels Willen, wo sind Sie denn da eingestiegen?!?!“, wollte ich schon launig fragen, aber dann unterließ ich es. Platzhirsche ver­stehen keinen Spaß.

Der Weihnachts-MATSCHO

Das Advent-Spezialprogramm – wegen großen Publikumsinteresses auch heuer wieder!

Am: Sa., 6. 12. (20 Uhr) und So., 7. 12.
(18 Uhr, vorverlegter Beginn!)
Im: „Spektakel“, 5., Hamburgerstr. 14
Karten: 01 / 587 06 53
oder www.spektakel.at

von Matscho

Wolfgang Kubasta ist Matscho.