
... denn ich werde zwei Geschichten, die nichts, aber auch schon gar nichts, verbindet, auf verblüffende Weise miteinander verknüpfen.
Zunächst einmal begeben wir uns auf eine Reise ins östliche Anatolien, denn dort hat unsereins den alljährlichen Urlaub abseits der touristischen Trampelpfade verbracht. Und wie viel Unvergessliches habe ich dabei erlebt! Den Muezzin von Erzurum z. B., dessen frommer Morgengrauengesang vom Heulen eines einsamen Bergwolfs schaurig schön untermalt wurde. Oder die gastfreundlichen Zwiebelbauern im pontischen Zwiebeldorf, welche uns in ihrer abgrundtiefen Armut alles schenkten, was sie zu verschenken hatten: Zwiebeln. Oder die erstaunten Mienen der steinernen Götter auf dem Berg Nemrud: Diese schienen sich, als sie den stattlichen Matscho beim Gipfelsturm beobachteten, ungläubig zu fragen, seit wann eine Kugel bergauf rollen kann.
Den stärksten Eindruck aber haben bei mir die anatolischen Kellner hinterlassen. Es haben mir nämlich die diebischen anatolischen Kellner ständig meinen halb vollen Teller fortgetragen. Ohne meine Zustimmung, einfach so. Ich weiß bis heute nicht, was in diesem Land los ist, dass einem ständig das Pappipappi vor der Nase wegstiebitzt wird. Auf jeden Fall ist es für einen bedeutenden Esser wie unsereins, der nicht nur reichlich, sondern auch mit Bedacht schmausen möchte, eine einzige Katastrophe. Man beugt sich zum Nachbarn, um ihm einen Witz zu erzählen, aber auf einmal ist – schwupps – der Teller mit den gefüllten Paprika futsch. Oder man verweilt einen Augenblick unterm Tisch, weil einem die Serviette runtergefallen ist und das weibliche Visavis außerdem fesche Beine hat, und schon – schwupps - sind die Lammkotellets Geschichte. Oder man lässt sich den Teller nicht kampflos wegnehmen, umklammert ihn heroisch mit beiden Händen – doch was macht der diebische anatolische Kellner? Er entfernt – schwupps - das halb gefüllte Weinglas.
Wir wechseln jetzt Ort, Zeit und Raum und besuchen eine der vornehmen Wiener Adabei-Partys, wo viele Leute noch mehr Leute treffen, um alleine zu sein. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, sodass man risikolos allen Schwachsinn dieser Welt verzapfen kann, weil einem ohnehin niemand zuhört. Auch Ihr sehr ergebener Matscho geht einmal in zehn Jahren zu so etwas, aber nur, wenn ihn grausame Menschen dazu zwingen. Da steht er dann da, umzingelt von prominenten Künstlern und künstlichen Prominenten, von Smalltalkern und Großrednern, von Profischulterklopfern und Dauerbussigebern, sehnt sich nach Alt-Ottakring und isst vor lauter Angst, es könnten ihn die „Seitenblicke“ streifen, das Buffet zusammen.
Letztens hielt ich gerade ein vornehmes Flusskrebs-Sandwich in der Hand, da stand wie aus dem Boden gewachsen der berühmte Iksüpsilon vor mir, bekannt von Bühne und Fernsehen. Dem Iksüpsilon habe ich vor Jahren einmal die Hand geschüttelt, und das hat er sich gemerkt. „Des gibt’s net“, fiel mir der Iksüpsilon prompt um den Hals, „du bist ah do, Oida“, jauchzte er im Freudentaumel, „i gfrei mi“, küsste er mich auf beide Backen, leider auf die im Gesicht, „Oida, wia geht’s da?!“
Wenn jemand dermaßen überzeugend wissen will, wie es mir geht, bin ich um Wahrheit bemüht und muss daher ein bisserl nachdenken. Nachdem ich eine Sekunde lang nachgedacht hatte, stand plötzlich kein Iksüpsilon mehr vor mir. „Des gibt’s net, du bist ah do“, hörte ich ihn aus einer anderen Ecke des Saales tönen, „Oida, wia geht’s da ...?!“
Seither werde ich den Verdacht nicht los: Den Iksüpsilon muss mir – schwupps - ein anatolischer Kellner abserviert haben.
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