Vormagazin

Ausgabe Februar 2012

Heiß auf Eis - Der Wiener Eistraum 2012.

Gewinn Vor allen anderen...

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Rottenberg

Späte Glückspost

Thomas Rottenberg macht sich Gedanken über die Post ...

Post, die niemandem gehört, liegt bei uns im Haus immer ein paar Tage wartend auf einem Sims: Erst wenn nach einer Frist, die niemand definieren will, das Schriftstück noch da ist, wird es entsorgt. Oder zurückgeschickt. Oder vom Briefträger mitgenommen und (hoffentlich) richtig zugestellt.

Doch jener Brief, der vergangene Woche auf dem Waisenpost-Podest lag, war richtig beschriftet: Aloisia G. hat hier gewohnt. Bloß: Das ist ewig her. Vor sechs oder sieben Jahren zog Frau G. ins Heim. Aber kurz darauf starb sie.

Post, hatte ihre Tochter beim Begräbnis gesagt, bräuchten wir weder aufzuheben noch ihr zu schicken: Verwandte und Behörden wüssten Bescheid – alle anderen seien egal. Aber es kam bald ohnehin immer weniger Post für Frau G.  Meist war es Gewinnspielzeug, bei dem die Versender nach Menschen mit Uralt-Vornamen gescannt hatten – leichte Beute eben.

Doch seit ein paar Jahren ist auch das vorbei. Für Frau G. kam sicher seit drei Jahren kein Kuvert mehr. Deshalb fiel es auf, als plötzlich wieder Post für sie da lag. Aber erst nach den obligaten paar Wartetagen sprach mich ein Nachbar darauf an: Ob wir jenes Glück, das für Frau G. vorgesehen sei, an uns reißen sollten: „Bitte lassen Sie alles liegen und öffnen diesen Umschlag. Dies ist möglicherweise die wichtigste Post, die sie jemals erhalten haben“, stand auf dem Kuvert.

Mehr noch: „Zwei Mal in meinem Leben ist dies passiert“. Wow! Wir zögerten, denn „der inliegende Brief ist vertraulich“ hieß es. Dann warf mein Nachbar den Brief ins Altpapier. Ungelesen. Wegen des Absenders: „Von Hellseher Anthony C.“ war in Pseudo-Handschrift aufs Kuvert gedruckt. Und mein Nachbar ist gnadenlos: Ein Hellseher, der einer Toten das große Lebensglück verspricht, meinte er, habe damit nämlich nicht gerade einen zwingenden Beweis für sein Können vorgelegt.

Thomas Rottenberg ist Redakteur bei der Tageszeitung „Der Standard“

von Thomas Rottenberg

Thomas Rottenberg ist Journalist.