
Thomas Rottenberg über eine "Radleiche" - und sentimentale Gefühle zu ebendieser.
Vor meinem Haus liegt eine Leiche. Seit einem Jahr. Vielleicht ja auch schon länger – aber so genau weiß ich das nicht. Denn am Anfang war die Leiche keine Leiche, sondern ein ganz normales Fahrrad. Es hing am Laternenmast vor meinem Haus – und ich habe es keines Blickes gewürdigt. Nicht, solange das Fahrrad ein Fahrrad war: Mit zwei Rädern, Sattel, Pedalen, Hebeln ... und so weiter. Wie lange das Rad so dastand, weiß ich also nicht. Erst, als es zu zerfallen begann, nahm ich es wahr.
Zunächst fehlte das Vorderrad. Ein paar Tage später auch das Hinterrad. Etwa eine Woche danach – mittlerweile schaute ich immer kurz hin – der Sattel: Der Besitzer, war jetzt klar, hatte das einst nicht billige Markenbike aufgegeben. Beinahe tat es mir leid. Das Gerippe hing monatelang unverändert traurig an seinem Bügelschloss. Ab und zu drehte es sich um 90 oder 180 Grad um die Laterne. Bis dann eines Tages Brems- und Schalthebel fehlten. Und Kette und Werfer: Irgendjemand hatte mit Werkzeug fachkundig den Verwesungsprozess beschleunigt.
Der Rahmen rostete den Winter über vor sich hin. Im Frühjahr klebte plötzlich ein Zettel an der Leiche: „Zum Abtransport vorgemerkt.“ Tags darauf war der Zettel verschwunden, eine Woche später wieder da – und sofort wieder abgerupft.
Dieses Spiel wiederholt sich durch Frühling und Sommer – und geht bis heute so weiter: Irgendjemand dürfte den sportlichen Ehrgeiz entwickelt haben, das Fahrradskelett hier zu be- oder erhalten. Ich bin es nicht. Aber wenn der Rahmen einmal doch verschwunden sein wird, wird er mir vermutlich sogar abgehen.