
Thomas Rottenberg über Vertuschungen und die Verschwörung von Leichenherpes.
Ich sei, eröffnete J., doch Journalist. Und deshalb, erklärte J. mit ihrem Widerstand-ist-zwecklos-Blick, müsse ich jetzt der Wahrheit ans Licht helfen. Und einen Skandal aufdecken. Etwas werde vertuscht. Etwas Großes. Alle – Polizei, Politik und Medien - würden mit drin stecken. Und alles totschweigen.
Hä?, fragte ich. J. flüsterte: Leichenherpes!
Der Fall, erzählte sie dann, sei ganz frisch. Das habe sie von einem, dessen Schwester mit einem Wiener Polizisten zusammen ist, gehört.
Der habe den Akt bearbeitet: Ein Mädchen hat in einer In-Disko mit einem Typen geknutscht und am Tag danach einen seltsamen Ausschlag um den Mund. Der Arzt habe Leichenherpes attestiert – und die Polizei verständigt: Leichenherpes bekomme man durch Intimkontakt mit Toten. Die Polizei beschattete das Mädchen, als es die Diskobekanntschaft besuchen ging – und rettete der Frau so das Leben: In seiner Wohnung lagen vier zerstückelte Frauenleichen.
J. sah mich an: Hammer, oder? Vermutlich seien höchste Kreise verwickelt. Darum das Schweigen.
Ich versuchte es vernünftig. So funktioniere Vertuschen nicht: Sie habe ja auch von der Story gehört. Und: Wem nutze das Schweigen?
J. wurde wütend: Ich sei wohl auch involviert. Verstrickt.
Verschworen.
Also googelte ich „Leichenherpes“. Hunderte Treffer – mit immer der gleichen Geschichte. Bloß Jahr und Stadt variierten. Einig sind sich dagegen die Mediziner: Leichenherpes gibt es nicht.
Trotzdem ist die Geschichte nicht umzubringen. Weil sie so schön schaurig ist – und jeder G’schichteldrucker weiß, was viele Journalisten am ersten Arbeitstag lernen: Recherche kann die schönste Geschichte kaputt machen. Also verzichtet man lieber gleich drauf.
Thomas Rottenberg ist Redakteur bei der Tageszeitung "Der Standard" und Moderator bei "ServusTV".