
Mein Freund A. ist ein Freak. Zumindest wenn es um Fahrräder geht. Vermutlich liegt das daran, dass A. früher Radrennen fuhr. Als Profi. So etwas prägt: A. rennradelt am Wochenende. Oder auf Radurlaub auf bergigen Inseln: Das beste am Nicht-mehr-Profisein, sagt A. verschmitzt, ist, „dass ich ein Rad fahren darf, das bei Rennen nicht zugelassen wäre - weil es zu leicht ist." Aber eigentlich soll es hier um das andere Fahrrad gehen. As Alltagsrad. Das, mit dem er zur Arbeit und ins Kino fährt. Oder besser: fuhr - es wurde nämlich gestohlen.
So etwas kommt vor. Trotzdem war A. den Tränen nahe. Erstens, weil er sein Rad mag. Zweitens, weil es eine Rarität ist. Auffällig wie eine fliegende Kuh - nur viel schöner. Kein Wunder, dass A. alles fallen ließ, als ihn einige Wochen später ein Freund anrief: Er stehe da bei einer Laterne. Und an der hänge ein Rad. As Rad. A. sprintete los. Unterwegs rief er seinen Radhändler an. Der bestätigte: Dieses Rad gäbe es in Wien nur zwei Mal. Das zweite fahre er selber - und es stehe hier, vor ihm.
Als A. bei seinem Rad ankam, hatte der Freund schon
gehandelt - und das geklaute Bike mit seinem Schloss fixiert. A. lief weiter - zur Polizei. Dort wurden As Angaben überprüft - und ein Polizist eines anderen Wachzimmers angefunkt: „Der war früher Schlosser." Mit Blaulicht ging
es zum Laternenmast, und unter den neugierigen Blicken
der Passanten befreite der Ex-Schlosser As Bock: Als das „feindliche" Schloss fiel, gab es Applaus.
Eines beschäftigt den stolzen Wiederbesitzer seither aber doch: Ob die Polizisten da streng nach dem Buchstaben des Gesetzes gehandelt haben, nämlich. Andererseits, sagt A., wolle er das eigentlich gar nicht wissen: „Wenn die Polizei mein Rad nicht zurückgeklaut hätte, hätte ich es selbst getan - und das wäre sicher illegal gewesen."
Thomas Rottenberg ist Redakteur bei der Tageszeitung "Der Standard" und Moderator bei "ServusTV"