
Eine Hundezone ist kein Streichelzoo. Und sicher nicht geeignet, um aus kleinen Kindern mit natürlichen Ängsten vor bellenden Vierbeinern „richtige Buben“ zu machen.
Es war im Prater. Da habe ich gesagt, was ich nie sagen wollte. Weil ich überzeugt bin, dass nur Vollkoffer diesen Satz verwenden: „Der tut nix, der will nur spielen“ kommt nur von Menschen, die nicht akzeptieren wollen, dass nicht jeder andere frohlockt, wenn ein Hund auf ihn zustürzt. Aber jetzt bin ich Mitglied in diesem Club.
Zum Glück hat das niemand mitbekommen. Weil es zu laut war, als mein Hund mit drei anderen Tölen um sie und ihre Eltern jagte: Zwei Kinder kreischten vor Angst. Ihr Vater brüllte. Und wir riefen unsere Tiere zurück: Niemand, der halbwegs bei Trost ist, will, dass ein Kind vor Angst in die Hose macht. Und vier rennende, bellende 30-Kilo-Tölen sind nicht jedermanns Sache. Auch nicht in der Hundezone.
Als wir dann mit angeleinten Kötern dastanden, entwich mir der Vollkoffer-Satz. Aber niemand hörte ihn – weil der Vater weitertobte: Die Kinder – etwa drei und fünf Jahre alt – sollten endlich aufhören, feig zu sein. Darum sei man doch hier, in der Hundezone: Die Feiglinge sollten ihre Angst ablegen. „Damit ihr kleinen, dummen Hosenscheißer endlich eines kapiert: Die wollen nur spielen.“
Die Frau mit der Dogge fragte, ob ich das auch gehört hätte. Sie weigere sich sonst, das zu glauben: Schleppte da ein Irrer zwei Kinder, die Panik vor Hunden haben, wirklich genau dorthin, wo auch große Hunde Hunde sein dürfen? Wo sie rennen, bellen, balgen, raufen und wasweißichnoch dürfen? In voller Hunde-Intensität?
Als erste fand die junge Frau mit dem Rhodesian Ridgeback die Sprache wieder: Ob der Mann sicher sei, das richtige Erziehungsmittel am richtigen Ort einzusetzen? Weil sie, sagte sie vorsichtig, Zweifel habe, ob eine Hundezone für diesen an sich ja löblichen Plan ideal sei. Ob nicht vielleicht Welpenasyl oder Streichelzoo besser wären?
Jetzt brüllte der Mann uns an: Er brauche keine Ratschläge! Er wisse, was er tue! Seine Kinder seien Buben – so viel zum Streichelzoo! Erzieherische Härte habe noch nie geschadet! Die junge Frau gab nicht auf: Ob dem Mann klar sei, dass das echt gefährlich sei? Ob er sich ausmalen wolle, wie eine Kollision zwischen einem in Panik davonlaufenden Kind und einem rennenden Hund ausgehen könnte? Ganz ohne Zähne, Krallen oder Absicht: Gerade weil Kinder sonst überall und zu Recht Vorrang hätten, sei das hier ein Hundespielplatz.
Mittlerweile hatten sich die Buben beruhigt. Der ältere saß auf dem Boden, der kleinere stakste zu ihm: Vor den Buben balgten drei Labradorwelpen. Ich lachte: „Harte Methoden machen harte Jungs, gell?“ Der Vater lief rot an: Ich solle die Schnauze halten. Er könne auch anders. Seine Frau rettete mich: Sie hob einen der Welpen auf und drückte ihn ihrem Mann in die Hand. Eine Sekunde später hatte er uns vergessen.