Vormagazin

Ausgabe Februar 2012

Heiß auf Eis - Der Wiener Eistraum 2012.

Gewinn Vor allen anderen...

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Rottenberg

Aus dem Laden, aus dem Sinn

Kaum jemand kann sich erinnern, welche Geschäfte vor der Übernahme des Kohlmarkts oder der Mariahilfer Straße durch teure Nobelmarkenshops hier einst ihre Waren feilboten. Schon gar nicht die Betreiber der neuen Stores!

Es war vor ein paar Tagen. Da tippte mir einer, den ich nicht kannte, in der Straßenbahn auf die Schulter und fragte eine jener Fragen, mit denen sonst ich mich unbeliebt mache. Mir ging es diesmal genauso: Ich hasste den Fremden sofort.
Dabei hatte der Fragesteller es nicht böse gemeint. Sondern nur geglaubt, dass ich so was doch wissen würde. Weil ich doch von Berufs wegen ein genaues Auge haben sollte. Und dort, wo Westbahnstraße und Neubaugasse sich kreuzen, wäre ich doch schon eine Milliarde Male vorbeigekommen. So wie er.
Der Fremde zeigte auf ein Geschäft. Ein T-Shirt-Laden. Der Shop, sagte der Fremde, sei neu. Deswegen fiele er ihm seit ein paar Tagen auf – und irgendwann sei da eine Frage gestanden: Was war eigentlich davor hier drin?

Nicht, dass das wirklich wichtig wäre, beteuerte der Fremde. Denn der Umstand, dass er es nicht wusste, obwohl er zweimal am Tag beim Vorbeifahren versuche, sich zu erinnern, sage ja nur, dass das, was hier war, in seiner Welt keine Rolle gespielt habe. Trotzdem ärgere ihn dieses Nicht-Erinnern täglich ein bisserl mehr.
Ich gab mich geschlagen: keine Ahnung. Aber das Phänomen, tröstete ich, sei mir bekannt: Auch dort, wo Stadtidentitäts- und Kulturbeschützer verlangen, für das Bewahren und das Authentische und „Echte“ zu kämpfen, ist das, was Wien angeblich einzigartig macht, vergessen, sobald etwas Neues eröffnet.

Was früher im Haas-Haus war, weiß ich ebenso wenig wie die Namen der Geschäfte auf der Kärntner Straße, bevor die Ketten kamen. Und jedes Mal, wenn am Kohlmarkt teure Nobelmarken eröffnen, ärgere ich wichtige Gäste, wenn ich frage, wer vor Gucci, Dolce & Gabbana, Diesel, Montblanc oder Lacoste hier Ware feilgeboten hätte. Da das doch erste Adressen sind, müssten die Abgänge ja auch abgehen.

Nur: Ich habe kaum je eine Antwort bekommen. Manchmal wissen die neuen Betreiber, wer vor ihnen hier war (wenn ihnen der Denkmalschutz Auflagen aufs Aug gedrückt hat). Aber zwei Wochen nach der Eröffnung hat das Personal der Nachbargeschäfte keine Ahnung mehr, was nebenan einst verkauft wurde. Aber, ist man sich einig, eine Schande sei es schon, wie das alte Wien verschwände.
Der Fremde in der Straßenbahn nickte. Und sagte, er sei jetzt von sich selbst enttäuscht: Er sei vor 20 Jahren jeden Tag auf dem Schulweg täglich von der Kaiserstraße in die Rahlgasse gegangen – aber die damaligen Geschäfte auf der Mariahilfer Straße könne er sich beim besten Willen nicht mehr ins Gedächtnis rufen.

von Thomas Rottenberg

Thomas Rottenberg ist Journalist.