Vormagazin

Ausgabe Jänner 2012

Darf ich bitten? - Die Ballsaison ist eröffnet.

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Rottenberg

Katzenbegräbnis

Es war vergangene Woche. Da hat sich I. beschwert: Es sei unfair, dass Hunde in dieser Kolumne oft, andere nichtmenschliche Mitstädter aber nie vorkämen. Katzen etwa.

I.hat mehr als recht, sie trauert: Vor zwei Wochen starb ihre Katze. 17-jährig. An Alter, Liebeskummer und Einsamkeit. Weil zwei Jahre zuvor ihre Mitkatze (ebenfalls an Altersschwäche) verstorben war. Derzeit, erzählte I. unter Tränen, sei die jüngst Verstorbene noch nicht beerdigt. Sie läge auf Eis: Weil I. das Tier nicht entsorgen oder es in den Müll werfen kann, liegt die tote Katze in I.s Tiefkühltruhe. Und wartet darauf, aufs Land gebracht und dort bestattet zu werden.

Eigentlich will I. das ja gar nicht. Schließlich war die Katze eine Stadtkatze. Und gehöre deshalb neben der ­Mitkatze beerdigt. Aber das, sagt I., geht nicht. Weil der Pfarrer gewechselt hat. Was das mit der Katze zu tun habe, wollte ich ­wissen. Und I. erzählte: Als die Mitkatze starb, ­wollten I. und ihre Freundin das Tier begraben. Dort, wo einander Stadt und Natur die Hand reichten. Im Prater etwa. Und so seien sie eben mit einer toten Katze im Plastiksack und einem Spaten eines Nachts durch den Wald gestapft.

Bei der Erinnerung an diese Wanderung muss I. trotz der Trauer lachen. Denn die Expedition war nicht nur gespenstisch, sondern auch grotesk: Dunkelheit und Wurzelwerk hätten das Unterfangen zum Debakel werden lassen. Und zwar auch, als sie eine Nacht später mit Beistand noch einmal kamen: Der Pfarrer war mitgekommen – und hatte sogar eine Spitzhacke dabei. Doch der präfrostig-winterliche Praterboden war stärker. Daraufhin, so I., habe der Pfarrer die trauernde Truppe zu seiner Randbezirks-Kirche gefahren, sei einmal (Krampen und Schaufel geschultert, die Katze in der Hand) suchend über den Friedhof gegangen und neben dem Pfarrhaus stehen geblieben.

Mit den Worten „hier ist es gut“ habe er dann begonnen, das Blumenbeet aufzugraben. Die Graberei, erinnert sich I., ging rasch von der Hand. Und als das Loch groß genug war, habe der Priester ein Brett und einen Stein geholt: Um das Aufbuddeln durch andere Tiere zu vermeiden, müsse man ein Brett auf den Kada­ver legen und das mit einem Stein fixieren, habe der Pfarrer erklärt – und dann die Katze ins Grab gelegt und dabei eine kurze Ansprache gehalten. Sie endete mit „und hiermit übergebe ich dich der Erde“.

Seither, sagt I., war sie zweimal auf dem Friedhof. Aber der neue Pfarrer habe sie einmal gefragt, wieso sie Blumen auf sein Blumenbeet lege. Den Mut zur Wahrheit, gesteht I., habe sie nicht. Und darum wird ihre zweite Katze am Land begraben. Allein. Aber vielleicht, meint I., sei das ohnehin besser: Beim Graben auf die Reste ihrer ersten Katze zu stoßen, wäre nämlich grausig – egal um welche Uhrzeit.

von Thomas Rottenberg

Thomas Rottenberg ist Journalist.