
P. darf jubeln. Demnächst hält er VHS-Kurse ab. Eigentlich: einen Kurs. Genauer: einen "sruK".
"sruK ni echarpssträwcküR - Rückwärtslesen klingt schon komisch..."
P.spricht rückwärts. Er sagt, er sei nicht der Einzige. Darin würden ihn just jene bestätigen, die ihn verlachen. Denn Rückwärtssprechen sei ja eine „Kinderei": P. hat selbst als Kind begonnen, rückwärts zu lesen. Irgendwann drehte er dann auch Ungeschriebenes im Kopf um. Und eines Tages sprach er rückwärts. Ab und zu halt.
Das, sagt P., tun viele Kinder. Aber die Schule suggeriert, dass Kindsein blöd ist. Darum geben viele Menschen sinnfreien Spaß auf. Wenn sie andere Erwachsene treffen, die sich die Freude am Nutzlosen bewahrt haben, werden sie neidig - und wehe, man sagt, dass in ihrem „Kinderei"-Spott Wehmut steckt.
P. ist Spott egal: Bei Mystery-Rollenspielen verlangt er (rückwärts, versteht sich) als „Hexer" von Mitspielern, ihre Namen rückwärts aufzusagen. Rollenspieler lieben komplizierte Namen: Manche brauchen Stunden bis zur „Lösung". Einfacher hatten es die Darsteller in einem Amateurfilm, den P. unlängst drehte: Die Darsteller sprechen im Retourgang. Nach Drehbuch. Und mit („normalen") Untertiteln.
Genau das, sagt P., sei aber sein Dilemma: „Ich weiß nicht, ob es möglich ist, Konversation zu machen: Ich habe keine Gesprächspartner." Doch jüngst hörte man an der VHS Wien-West von P.s Traum. Und beschloss, P. eine Chance zu geben: den ersten „sruK ni echarpssträwcküR". Und obwohl ich zuerst gegrinst habe, beneide ich P. eigentlich. Eben weil er sich das Kindsein nie ausreden hat lassen.
Thomas Rottenberg ist Redakteur bei der Tageszeitung „Der Standard".