Vormagazin

Ausgabe Februar 2012

Heiß auf Eis - Der Wiener Eistraum 2012.

Gewinn Vor allen anderen...

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Rottenberg

Flaggenparade

Wo bleibt die urbane Identität? Anders: Wo sind die Fahnen?

Es war an der Haltestelle. Da verstand ich, wieso Freunde von auswärts glänzende Augen bekommen, wenn sie von Gegenden reden, aus denen sie nach ihrer Schulzeit nicht rasch genug wegziehen konnten: Regionen haben Fahnen. Und dort, wo die im Wind knattern, riecht es nach Heimat. Menschen ohne Fahne, erkannte ich, sind deshalb arm. Und heimatlos.

Es war eine steirische Flagge, die mir da entgegenwehte. Unvermutet. Oben, auf einer Dachterasse flatterte sie fröhlich in den Himmel über Mariahilf. Grün und weiß und mit Landeswappen. Kein Kinder-Volksfest-Fahnderl: eine Flagge. Richtig groß. An einem eigens aufgestellten Mast. Sie wehte selbstbewusst und anlasslos: Niemand hatte Geburtstag. Niemand war gestorben. Und auch sportlich war kein Termin in Sicht, der das Wehen erklärt hätte. 

Obwohl ich unten stand, ist die Fahne oben seither nicht mehr zu übersehen. Jeden Tag weht sie mir ihren Gruß entgegen – verrät aber nicht den Grund ihres Daseins: Das Haus beherbergt nichts Regional-verwurzeltes (die Pizzeria im Erdgeschoss ausgenommen). Patriotische Konkurrenz ist nicht zu sehen: Auf umliegenden Terrassen werden keine andere Bundesländer ausgeflaggt – und weder Balkone noch Fenster der Umgebung zeigen noch Spuren des Euro-Fähnchen-Taumels: Die Steirerflagge ist ein regionales Standallone. Ein Monolith aus Stoff. Ein Bekenntnis zur „Hoamat“ des Dachbewohners.

Neulich wartete S. mit mir auf den Bus. Sie stammt aus Ottakring. Ich aus Favoriten. Ob ich wisse, ob es eine Ottakring-Fahne gäbe, fragte sie. Ich verneinte. Und versuchte zu trösten: Auch Favoriten habe kein Banner. In der Volksschule hatte uns die Lehrerin einst ein Wappen gezeigt. Das hatte keinen interessiert. Heute finden S. und ich das schade: Vielleicht könnte ja das Knattern von Ottakrings Flagge über der Leopoldstadt oder das Hissen der Fahne Favoritens über den Giebeln der Wieden in uns jenes regionale Feuer entfachen, das in unseren urbanen Identitäten bisher nicht einmal glost.

von Thomas Rottenberg

Thomas Rottenberg ist Journalist.