
B. meint, ich solle mich entschuldigen. Auf diesem Weg: Ich, meint B., hätte die Frau im Öffi-Umfeld erschreckt – also wäre eine Entschuldigung via Öffi-Medium genau richtig. Weil ... und so weiter.
B. hat recht. Vermutlich ist es für eine ältere Dame schon bei Tag nicht angenehm, von hinten angelabert zu werden. Erst recht nicht bei Nacht. Und schon gar nicht, von zwei verschwitzten, abgehetzten und keuchenden Männern. B. und mir nämlich. Daher: ’Tschuldigung. Tut uns echt leid. War nicht so gemeint.
Aber der Reihe nach: Es war lang nach 22 Uhr. In der U-Bahn-Station Stadtpark. B. und ich hatten gerade ein ausgedehntes Lauftraining durch Prater und City absolviert, und beschlossen, die U-Bahn zu nehmen. Ganz „stadtfein“ sahen wir nicht mehr aus.
Doch daran dachten wir nicht, als wir die alte Frau am oberen Ende des Abganges zur U4-Station an der Wand herumfizzeln sahen. Die Frau putzte dort die Wand. Genauer: Sie kletzelte den Dreck aus den kleinen Stuckverzierungen, die in der Otto-Wagner-Station am obersten Treppenabsatz in der Mitte der Wand eingelassen sind. Bis ich die Alte da mit ihrem Kartonstück herumkratzen sah, war mir diese Verzierung nie aufgefallen - obwohl ich hier am Schulweg jeden Tag vorbeigekommen war.
B. machte ein Handyfoto. Und ich sprach die Frau an. Oder – aus ihrer Sicht – erschreckte sie gehörig: Die Dame wirkte ein wenig - sagen wir einmal - „unruhig“. Aber sie antwortete trotzdem auf die Frage, was sie denn da tue. Genauer: Sie schnappte: „Na die Wand putzen. Wonach schaut es denn aus?“ Und auf die Frage nach dem Warum: „Weil da Dreck drin pickt. Und sich keiner um so was schert.“ Dann stocherte sie weiter mit dem Papier in dem Dekorstück herum.
Unten fuhr die U-Bahn ein. Wir rannten los. Sie keppelte, jetzt lauter, hinter uns her: „So eine blöde Frage. Was ich da tue, das sieht ja ein Blinder. Aber Hauptsache, anständige Menschen erschrecken und bei der Arbeit stören. Und selbst keinen Finger krumm machen – während die Stadt im Dreck versinkt …“