
Unser Freund G. hat Geburtstag, und zwar nicht irgendeinen. G. wird 40. „Was geht’s mich an?“, fragen Sie mit Recht. Andererseits: Warum sollten ausgerechnet Sie darunter nicht leiden?
Jetzt wissen Sie, sehr reifer Leser, dass ein Mann mit 40 erst interessant wird, weil endlich die Geheimratsecken zum Rest von seinem Gesicht passen. Wir wissen das selbstverständlich auch, aber G. tut so, als wisse er es nicht. Sicherheitshalber hat er schon am Abend seiner 39er-Feier angefangen, kleine schwarze Wölkchen zu züchten, die böse um ihn herumwabern. Sie verdecken seine gramgefurchte Stirn, den sorgenvollen Blick, die runtergezogenen Mundwinkel. Seit Dienstag erkennt man G. überhaupt nur mehr an seinen farbenprächtigen Ralph-Lauren-Hemden und dem dezenten Eau de Toilette, so viele schwarze Wölkchen sind es. Und man erkennt ihn am Text, den er spricht: „Am 18. März bin ich nicht in der Stadt. Ich flieg nach Australien, wo ich garantiert keinen Menschen treffe, den ich kenn. Ich will allein sein. Ich will nix geschenkt. Ich will mich nicht freuen müssen. Ich werde 40. Ich überleb das nicht.“
Die Chance, dass G. Sydney gebucht hat, ist denkbar gering. G. hat einen Fulltime-Job und keinen Urlaub beantragt, wie wir von unserem Spion aus der Personalstelle wissen. G. hat Sydney kurzerhand nach Wien-Alsergrund verlegt. Er will sich wie Robbie fühlen, verkannt, verlassen, versaut. Kein Schultergeklopfe, kein „Kenn ich, wird schon wieder!“ soll seine Verzweiflung stören. Er will sein Unglück verschärft und vereinsamt bis 4 Uhr morgens zum Soundtrack von Moby bewinseln, um dann extra beleidigt zu sein, weil es für das schauerliche Spektakel keine Zeugen gibt.
Nur: Wir sind erstens nicht blöd und zweitens zum Äußersten bereit. Notfalls kidnappen wir G. auf dem Weg zum Flughafen. Wir organisieren eine Feier; mit Band, Gstanzln, einem Zeit-Dahinraffer-Video (Dank an G.s Mutter für die frühen Badewannenaufnahmen!), wir haben Exgattinnen, Exfreundinnen und jede mögliche Affäre eingeladen, sichergestellt, dass sein Lieblingsapfelstrudel aus der Lieblingsbäckerei von der Lieblingsbäckerin gezogen wird; die Choreografie ist praktisch fertig, die Einladungslisten sind geschrieben. Morgen Vormittag beginnt das Casting für die Torte und das Mädchen, das aus ihr springen wird. Wir werden alles dafür tun, dass G. DEN Überraschungsspaß seines Lebens hat. Weil wenn ihm das nicht gefällt, wenn er blöd herumzickt, wenn er vor Mitternacht depressiv verschwindet. Dann sind nämlich wir beleidigt. Und zwar genau ein Jahr lang. Jede Wette: Das bringen wir auch zusammen!
Martina Rupp ist Hitradio-Ö3-Stimme, ORF-Fernsehmoderatorin und Autorin.