Vormagazin

Ausgabe Jänner 2012

Darf ich bitten? - Die Ballsaison ist eröffnet.

Gewinn Vor allen anderen...

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Rupp

Abgängigkeitsanzeigen

Menschen in einem, äh, gewissen Alter sind schon ruhiger. Die regen sich nicht mehr so schnell auf. Die hängen auch nicht mehr an überflüssigen Sachen. Nur bei mir ist es genau umgekehrt.

Manche sagen, ich sei eine Fortschrittsbremse. Wäre ich im Neandertal für die Entwicklungsabteilung verantwortlich gewesen, sagen sie, säßen wir heute mit lose geknüpften Fellen in der U-Bahn. Nadel und Faden? Pah! – hätte ich gesagt – werfen wir zwanglos eine Bärenhaut über, das ist kuschelig und lässig ist es auch. Na und? Muss man sich deshalb über mich lustig machen?

Zum Beispiel mein Handydealer. Warum, bitte, schaut er so komisch? Mein Handy ist in der Reparatur und ich verlange ein Ersatzgerät, dessen Popo in die fix montierte Freisprechhalterung meines Autos passt. Wann ich das Handy gekauft habe? Fünfzehnter Jänner 2007. Wieso? Na, weil es dieses Modell nicht mehr gibt. Und andere Modelle, die unten so sind, auch nicht. Schon laange nicht mehr.

Mobilfunkterroristen! Ich kriege heftig juckenden Ausschlag auf meinen Umwelt- und Konsumentenschutzsensoren. Handys sollen länger funktionieren als drei Monate! Tut euch gefälligst zusammen und entwickelt Adapter, die überall draufpassen! Vielleicht habe ich eine komplizierte Loslass-Störung, vielleicht bin ich ja auch nur stockkonservativ (werde einen alten Psychotherapeuten suchen, der mir das in seiner Altbau-Praxis nach alten Methoden erklärt, während ich auf dem alten Ledersofa schlafe), aber ich mag es nicht, wenn Sachen, die ich mag, nirgends mehr erhältlich sind. Gerade hab ich mich an Zahnseide, die flauschig, aber gründlich war, gewöhnt, ist sie aussortiert. Das köstliche Joghurt-Zitrone-Cornetto: weg. Vollkornteigwaren, perfekt in Konsistenz und Geschmack: leider, war nur eine Testproduktion. Lipgloss in diesem speziellen Aubergine: baba. Der Tee, der in meinem Lieblingstonstudio so verlässlich und beruhigend aus dem Automaten zischte, – die anderen wollten lieber Kaffee.

Ganz übel aber wird es, wenn Personen verschwinden. Die ausgezeichnete Reisefachfrau – in eine Filiale am anderen Ende der Stadt versetzt. Der Bankbetreuer – auf Schulungsjahr in Deutschland. Und das Schrecklichste: die liebste und beste Zahnarztassistentin ist plötzlich nicht mehr da. Verschwunden ihre mitfühlenden braunen Augen, ihre fröhlichen Grübchen, ihr beruhigender Händedruck, wenn der Arzt zum Bohrgerät greift. Geheiratet hat sie. Ein Baby erwartet sie. Und dann will sie gleich noch eins! Vor 2012 braucht man mit ihr nicht zu rechnen. Warum hat sie nichts gesagt? Auf der Stelle hätte ich ihr einen Antrag gemacht!

von Martina Rupp

Martina Rupp ist Hitradio-Ö3-Stimme, ORF-Fernsehmoderatorin und Autorin.