
An einem eitlen Accessoire, das ich einst kaufte, fehlt ein kleines Dings. Hab ich es verloren? Hat jemand, der eitle Kleinigkeiten mag, es heimlich abmontiert? Und – ist das schlimm?
Prinzipiell ist das kleine Dings – von einem gelangweilten Designer für wohlstandsverwahrloste Zicken ersonnen – in höchstem Maß verzichtbar. Weil in meinem Horoskop heute aber die Zicke dominiert, geh ich in das Geschäft, wo ich es herhabe. „Aha“, sagt die computergesteuerte Filialleiterin, „ich seh schon, Modell ,Antibes‘, Mitte Mai waren Sie bei uns. Selbstverständlich können wir versuchen, das fehlende Teil beim Hersteller in Frankreich nachzubestellen. Welche Farbe war das?“
Äh, vielleicht helles Schlamm“, stottere ich, „oder: nein, doch Eierschale mit einem Stich ins gräuliche Beige, aber nicht dunkel, sondern eher so wie Schnee in der Großstadt ...“. „Sie meinen Altweiß“, springt mir die Fachfrau bei. „Also, das tut mir jetzt aber sehr leid. Altweiß ist im November ausgelaufen. Sollen wir es vielleicht in einer anderen Farbe besorgen?“ Ehrlich gesagt, geht mir das kleine Dings in diesem Moment schon ziemlich auf die Nerven: „Nein, bitte vergessen Sie’s, es gibt Schlimmeres, als ohne das Dings zu leben!“ „Da haben Sie ganz recht“, pflichtet mir eine Kundin lebhaft bei, „viel Schlimmeres! Am meisten erschüttern mich die armen Mönche in Burma!“ „Überhaupt“, meldet sich eine andere Kundin zu Wort, „hört man aus der Ecke nichts Gutes. Denken Sie nur an die Überschwemmungen, der Klimawandel macht Millionen Menschen obdachlos!“ „So weit muss man gar nicht schauen“, meint die erste Kundin. „Die Bs, die früher hier gekauft haben, mussten Konkurs anmelden. Das ist schlimm!“ „Wobei“, gibt die Filialleiterin zu bedenken, „das Schlimmste im Privatbereich sind natürlich die Krankheiten. Ich hör das hier den ganzen Tag! Es gibt kaum wen, dem der Rücken nicht wehtut und jetzt im Herbst geht’s wieder los mit dem Rheuma ...“. „Klingt vielleicht lächerlich“, wird die zweite Kundin familiär, „aber meine Schwägerin hat da (deutet auf den rechten Fuß) ein Überbein. Was glauben Sie, was die mitmacht!?“
Falls Sie in nächster Zeit zufällig mein sinnloses kleines Dings finden, bitte behalten Sie es! Ich bin nämlich gerade sehr damit beschäftigt, die inneren Angelegenheiten Burmas zu ordnen. Anschließend verhandle ich mit dem Masseverwalter über den Konkurs der B.s. Das Überbein macht mir noch Sorgen; wieder stellt sich die Frage, was hier schlimmer ist: bandagieren oder operieren? Sollten Sie eine Antwort haben – ich ordiniere jeden Dienstag im „Eitel & Accessoire“.
Martina Rupp ist Hitradio-Ö3-Stimme, ORF-Fernsehmoderatorin und Autorin.